von Volker Schilling
Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?
- Funke
- Flamme
- Flächenbrand
Funke
Manchmal reicht ein Funke und alles entzündet sich. Öl weiter deutlich über 104 Dollar, zwischenzeitlich sogar weit darüber hinaus, weil die Märkte jede neue Schlagzeile aus Iran, Hormus und Washington nicht mehr politisch, sondern logistisch lesen. Was bedeutet das für Tanker, für Versorgung, für Energie, für Lebensmittelpreise, für Inflation. Öl ist eben kein Rohstoff, Öl ist aktuell ein Brandbeschleuniger mit Ticker-Symbol. Die Reaktion war lehrbuchhaft. Risk off. Dollar rauf. Nervosität rein. Und wie immer trennt der Markt in solchen Lagen nicht nach Sympathie, sondern nach Kerosinverbrauch. Airlines bekommen sofort Hitzepickel, United kappte bereits weitere Flüge und bereitet sich offen auf ein Ölpreisumfeld über 100 Dollar bis 2027 vor. Auf der anderen Seite wittern Energiewerte, Ausrüster und alles, was mit Barrel und Bohrloch zu tun hat, Morgenluft. Der Funke springt also nicht wahllos. Er sucht sich sein Material. Und während sich die politischen Kommentatoren noch darüber streiten, ob das nur ein Strohfeuer sei, verhält sich der Markt wie immer pragmatischer. Er fragt nicht, wer schuld ist. Er fragt, wer verdient und wer verliert. Genau deshalb ist so ein Funke gefährlich. Nicht weil er sofort alles zerstört. Sondern weil er so schnell so viele Preise neu sortiert. Wer das für übertrieben hält, sollte genauer hinhören. Die Sorglosigkeit der letzten Monate war vielleicht etwas zu gut geölt, wie ich im aktuellen Interview fürs Börsenradio einordne: Vorsicht beim rasiert werden.
Flamme
Aus dem Funken wurde in dieser Woche eine Flamme, und die erhitzte zuerst in die Köpfe der Notenbanker. Höhere Energiepreise bedeuten steigende Inflationserwartungen. Die Fed signalisiert daher weiter „higher for longer“, weil der Energieschub die Inflationsflamme wieder anfacht. Die EZB zeigt sich ebenfalls vorsichtig und denkt trotz schwacher Konjunktur nicht an einen leichten Durchmarsch Richtung Lockerung. Wenn es an der Preisfront wieder lodert, werden Zentralbanken plötzlich zu Feuerwehrleuten mit sehr begrenztem Wasservorrat. Das sieht man an den Renditen. Die zehnjährigen US-Treasuries lagen wieder über 4,3 Prozent. Der Dollar zog auf Mehrmonatshoch an. Beides zusammen ist der klassische Beweis dafür, dass der Markt das Feuer nicht als Lagerfeuer, sondern als Risikoherd liest. Und trotzdem ist die Lage paradox. Die US-Wirtschaft wirkt robust, der Arbeitsmarkt bleibt stabil, also kein Rezessionssignal, eher das Gegenteil. Die Flamme frisst sich also nicht in eine schwache Konjunktur hinein, sondern in eine erstaunlich widerstandsfähige. Und genau in dieser Gemengelage versucht die Börse tapfer, Haltung zu bewahren. Der S&P 500 und die Nasdaq zeigten nach dem Selloff am Montag wieder moderate Gewinne, europäische Märkte schwankten, und der DAX spielte seine Lieblingsrolle als Zuschauer mit schwankender Sitzhaltung. Mal ein Schritt nach vorn, dann wieder zwei zurück. Die Flamme ist eben noch kein Inferno. Aber sie ist heiß genug, dass niemand mehr so tut, als ginge das alles spurlos vorbei.
Flächenbrand
Ein Flächenbrand sieht nie überall gleich aus. Genau das macht ihn tückisch. Diese Woche brannten manche Marktsegmente lichterloh, andere standen nur im undurchsichtigen Rauch. Das ist noch kein Crash, aber dennoch bereitet es Unbehagen. Doch wenn im Iran weitere Eskalierung droht, dann bleibt Öl der Seismograf für alles, was geopolitisch noch kommen kann. Über 100 Dollar ist eben eine ganz andere Geschichte. Und gerade deshalb passt der positive Lichtblick der Woche. Denn nach all dem Krisenlärm kommt plötzlich eine Nachricht, die leiser ist als alles andere. Die Bundesregierung wird ab 2027 ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot ermöglichen. Regelmäßiges, langfristiges Sparen in Fonds und ETFs, um im Alter vom Produktivkapital zu profitieren. Wenigstens ein Brandherd, der angegangen wird. So endet die Woche zwar nicht mit einem Feuerlöscher im Nahen Osten, aber wenigstens einer neuen Brandmauer gegen Altersarmut.
Ihr Volker Schilling
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„drill Baby drill“ Angebot u. Nachfrage nach Öl/Gas werden über kurz oder etwas später wieder in ein erträgliches Gleichgewicht gelangen. Überlege, ob ich Total u. Equinoraktien erstmal wieder verkaufe.