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Greiffbar – Hokuspokus

26. Juni 2026
Volker Schilling
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von Volker Schilling

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

 

Der Illusionist

Jeder Illusionist kennt das wichtigste Gesetz seines Berufs: Der Trick entscheidet nicht über den Erfolg. Entscheidend ist die Kunst der Ablenkung. Der Zuschauer schaut genau dorthin, wo er hinschauen soll, nur eben nie dorthin, wo das Wunder tatsächlich geschieht. Genau dieses Schauspiel erleben wir derzeit an den Börsen. Micron liefert diese Woche glänzende Quartalszahlen und bestätigt einmal mehr den ungebrochenen Hunger nach Speicherchips für Künstliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz scheint ein Zauberstab zu sein. Kaum hebt Nvidia-Chef Jensen Huang ihn, erscheinen Milliarden an Börsenwert wie ein Kaninchen aus dem Zylinder. Die Zuschauer applaudieren, Analysten erhöhen ihre Kursziele und Investoren stehen Schlange für die nächste Vorstellung. Die Technologie ist real. Die Begeisterung ebenfalls. Doch jede gute Illusion lebt davon, dass das Publikum genau dorthin schaut, wo der Künstler es haben möchte. Während alle auf KI, Chips und Rechenzentren starren, werden Bewertungen, Staatsverschuldung und steigende Renditen elegant palmiert. Der Illusionist nennt es Misdirection. Der Börsianer Momentum. Am Ende hoffen beide, dass niemand die Falltür im Boden entdeckt.

Der Zauberer

Der schwierigste Zaubertrick besteht nicht darin, einen Elefanten verschwinden zu lassen. Der schwierigste Trick besteht darin, Probleme verschwinden zu lassen, die jeder sehen kann. Genau daran versucht sich derzeit die Politik. Die Rentenkommission hat in dieser Woche ihre Vorschläge präsentiert und sucht nach einer Lösung für ein mathematisches Kunststück, das eigentlich unmöglich ist. Wir leben länger, möchten früher in Rente gehen, niedrigere Beiträge zahlen und gleichzeitig höhere Leistungen erhalten. Abrakadabra genügt dafür allerdings nicht. Mal schauen, was von dem Hokuspokus der Reform am Ende bleibt. Der Zauberer Merz und seine Assistentin Bas zeigen sich indes erstaunlich einig und wollen alle 33 Punkte der Rentenkommission umsetzen. Vielleicht ist genau das die größte Gemeinsamkeit zwischen Politik und Zauberei. Beide leben davon, Hoffnung zu erzeugen. Beide arbeiten mit Erwartungen. Und beide wissen: Solange das Publikum staunt, stellt es die entscheidenden Fragen meist erst nach dem Schlussapplaus.

Der Magier

Es gibt Illusionisten. Es gibt Zauberer. Und dann gibt es Magier. Mit Alan Greenspan ist in dieser Woche der wohl größte Magier der Finanzmärkte endgültig von der Bühne abgetreten. Während andere Notenbanker Zinsen festlegen, schien Greenspan allein mit Worten Billionen Dollar bewegen zu können. Eine Aktentasche genügte, und Börsianer rund um den Globus begannen fieberhaft nach der verborgenen Botschaft zu suchen. Nicht umsonst nannten ihn die Amerikaner den „Magier der Märkte“ oder schlicht den „Maestro“. Das Besondere an Greenspan war nie seine Geldpolitik. Es war seine Kommunikation. Er beherrschte den vielleicht schwierigsten Zaubertrick überhaupt: Er sprach eine Stunde lang, jeder schrieb mit und anschließend wusste niemand so genau, was er eigentlich gesagt hatte. Sein berühmtester Satz ist bis heute legendär: „Wenn ich mich für Sie ungewöhnlich klar ausgedrückt habe, dann haben Sie mich vermutlich missverstanden.“ Aus dieser Kunst entstand sogar ein eigener Begriff: Greenspeak. Je rätselhafter seine Aussagen, desto größer ihre Wirkung. Ein Zauberkünstler verrät niemals seinen Trick. Greenspan verriet niemals seine Absicht. Vielleicht verstand er früher als alle anderen, dass Börsen keine Maschinen sind, sondern ein Publikum. Sie reagieren nicht nur auf Fakten, sondern auf Erwartungen. Nicht nur auf Zahlen, sondern auf Geschichten. Nicht nur auf Realität, sondern auf Glauben. Als Zauberkünstler habe ich gelernt: Das größte Geheimnis eines guten Tricks ist weder Fingerfertigkeit noch Technik. Es ist der Wunsch des Publikums, sich verzaubern zu lassen. Genau diesen Wunsch verstand Alan Greenspan besser als jeder andere Notenbanker seiner Generation. Der Vorhang ist gefallen. Der Zylinder ist leer. Der Zauberstab ruht. Ruhe in Frieden, Magier der Märkte.

Ihr Volker Schilling

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Kommentare

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  • Michael sagt:

    „Entscheidend ist die Kunst der Ablenkung. Der Zuschauer schaut genau dorthin, wo er hinschauen soll, nur eben nie dorthin, wo das Wunder tatsächlich geschieht.“

    Ein hervorragender Vergleich, denn so funktioniert die Politik in Kooperation mit den hiesigen Medien:

    Es werden irgendwelche Themen in die Welt gesetzt, auf die die Lemminge sich stürzen.

    Im Hintergrund passieren „die Wunder“…

    „Wir leben länger, möchten früher in Rente gehen…“

    Leben wir denn tatsächlich länger, Volker? Steigt die Lebenserwartung weiterhin an?
    Wird in anderen vergleichbaren Ländern länger gearbeitet?

    Nüchtern betrachtet ist das „Reformpaket“ nichts weiter als ein Paket von Steuererhöhungen und Leistungskürzungen für ALL DIEJENIGEN, DIE ARBEITEN, bzw ihr Leben lang gearbeitet haben.

    Wie gewählt, so wird geliefert.

    Herzlichen Glückwunsch an all die Cleveren, die Bürgergeld beziehen, die Miete vom Steuerzahler bezahlt bekommen uvm (ggf noch etwas schwarz arbeiten bei all der Freizeit) – während die Dummen arbeiten gehen und nach Abzug aller Steuern, Abgaben und Mietzahlung noch 50 oder 100 Euro übrig haben.

    • Volker Schilling sagt:

      Das ist ein berechtigter Einwand. Die Entwicklung der Lebenserwartung ist heute deutlich differenzierter als noch vor 20 oder 30 Jahren. Sie steigt längst nicht mehr so dynamisch, hat während der Pandemie sogar einen Rückschlag erlitten und liegt in Deutschland inzwischen nur noch etwa im OECD- bzw. teils unter dem EU-Durchschnitt.

      Deshalb greift die Gleichung „Wir leben länger, also müssen wir automatisch länger arbeiten“ aus meiner Sicht zu kurz. Genauso greift allerdings auch das Gegenteil zu kurz. Die eigentliche Herausforderung ist der demografische Wandel: Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentner. Darüber müssen wir ehrlich diskutieren und zwar ohne Zaubertricks und ohne Ablenkungsmanöver.

      • Michael sagt:

        Immer weniger Steuer- und Beitragszahler zahlen für immer mehr Leistungsempfänger ist die Gleichung, um die es geht.

        Und diese wird in Deutschland nicht aufgehen.

        Es hätte der Industriestandort verteidigt werden müssen, mit Händen und Füßen. Leistungsempfänger aus dem Ausland nicht erst ins Land hineinlassen. Diese Vorgehensweise praktizieren bspw Südkorea und Japan, welche ebenfalls demographische Herausforderungen haben.

        Hierzulande wurde die Industrie (mEn bewusst) gekillt, Millionenfach Leistungsempfänger ins Land geholt.

        Wer Vermögen angehäuft hat, kann von Kapitaleinkünften tiefenentspannt leben.

        • Michael sagt:

          „Immer weniger Steuer- und Beitragszahler zahlen für immer mehr Leistungsempfänger ist die Gleichung, um die es geht.“

          Diese Gleichung wird insbesondere im Zuge des BEREITS EINGELÄUTETEN RESETS „spannend“ werden:
          Künstliche Intelligenz

          • Peter Czeck sagt:

            „Immer weniger… Steuerzahler“…ja hallo wer hat große Teile unserer inländischen Betriebe plattgemacht und unsere Innenstädte veröden lassen und zahlt hier kaum oder gar keine Ertragssteuern? Wieso leiden unsere Städte u. Gemeinden unter Finanznot/Gewerbesteuerrückgang? Ist es richtig, dass ausländische Firmen hier erhebliche Gewinne erzielen, aber bei uns kaum Steuern zahlen? Alles digital oder was?

            • Michael sagt:

              „Wieso leiden unsere Städte u. Gemeinden unter Finanznot/Gewerbesteuerrückgang?“

              1) Finanznot: Frau Merkel, 2015 „Wir schaffen das“
              2) Gewerbesteuerrückgang: „Transformation“

              Geliefert wie gewählt.

  • Michael sagt:

    Erwartungsgemäß zerlegt die KI – und wie künftig gearbeitet werden wird – Firmen wie bspw Accenture (noch bei 113 Euro).

    Man muss sich nur die einfache Frage stellen, warum ein Kunde einen externen Berater hereinholen soll, wenn er seine Aufgaben von KI für einen Bruchteil der Kosten erledigt bekommt. Beraterhorden sind mEn obsolet.

    Infosys ist ein weiteres Beispiel. Insbesondere indische Arbeitnehmer – IT, Callcenter – werden durch KI nicht mehr in großer Anzahl benötigt werden.

    • Marco Dargel sagt:

      Es ist doch viel einfacher, erklärt einfach Ursula v.d. Leyen: Aber ich finde, sie ist ein Paradebeispiel, wie bei uns Politik funktioniert. Kann sich wirklich jemand vorstellen, dass es noch demokratischer passieren kann, so ohne Korruption, komischen Lücken, also vorbildlich bei bei Ursula v.d.Leyen? Niemand symbolisiert besser den Zustand unser goldenen Demokratie als diese vorbildliche Frau. Mal ganz unter uns. Wen juckt schon mal eine SMS. Sie wurde demokratisch in ihr Amt gewählt, nachdem sie als Verteidigungsministerin quasi die ganze Armee durch fundierte Berater durchleuchten lassen hatte. Nachvollziehbar, transparent, demokratisch.

      • Michael sagt:

        Und Christine Lagarde?

        https://www.zeit.de/wirtschaft/2016-12/christine-lagarde-ministerin-prozess-tapie-sarkozy-urteil

        https://taz.de/Peinlicher-Brief-der-IWF-Chefin-Lagarde/!5065085/

        „Benutze mich so lange, wie es dir passt und wie es deiner Aktion und deinem Casting entspricht. Wenn du mich brauchst, benötige ich deine Führung und Unterstützung: ohne Führung wäre ich ineffizient, ohne Unterstützung wäre ich nicht sehr glaubwürdig. Mit meiner immensen Bewunderung, Christine L.“.

        Google KI

        „Nicolas Sarkozy hat den Begriff „Kärcher“ (bekannt als Hersteller von Hochdruckreinigern) im Jahr 2005 als drastisches politisches Sprachbild geprägt. Als damaliger Innenminister versprach er nach gewaltsamen Unruhen in den Pariser Vororten, die Kriminalität dort mit dem „Kärcher“ – also rücksichtslos und mit voller Härte – wegzuspülen.“

        „Christine Lagarde ist seit November 2019 Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Sie ist zudem Mitglied im Stiftungsrat des Weltwirtschaftsforums (WEF) und gilt als Favoritin für die zukünftige Führung der Organisation nach dem Ende ihres EZB-Mandats.“

        Wie glückselig sind wir, dass wir in einem demokratischen Rechtsstaat leben. Wir müssen „unsere Demokratie“ unbedingt vor den Feinden von Rechts verteidigen!

    • Raimund Brichta sagt:

      , Dass die Märkte reif sind für eine Korrektur, schreiben wir auch schon seit längerem. Wozu brauchen wir diesen Goldseitenartikel? Für mich enthält er nichts Neues.

    • Peter Czeck sagt:

      Och immerhin ein Beitrag bei dem es um Börse u. Aktien geht. I.d.Z. sind vd. Ansichten u. deren Begründung f. mich grundsätzlich interessant….Insbesonder die langjähriger Börsianer wie Brichta u. a. Bin selbst bei meinen uebergewichteten Positionen vereinzelt am prüfen ob KGV u. Geschäftsaussichten noch im Verhältnis zum Durchschnittszinsniveau in vd. westlichen Ländern passt. Bin zwar Daueranleger, aber gelegentlich passe ich an.

      • Marco Dargel sagt:

        Solange Raimund eine Korrektur für überfällig hält, ist die Welt noch in Ordnung. Angst bekomme ich erst, wenn er ausflippt und Kursziele aka 2000 rausgibt. BTW. Texas ist jetzt mein größter Wert und ich habe noch geschrieben, dass der Wert überteuert ist, als wir ihn gekauft haben. Ich gucke blöde aus der Wäsche, naja nur teilweise. Ich habe sie natürlich schon länger. Aber ich hätte sie dieses mal nicht gekauft. Weil ein KGV von 30 halt deutlich teurer ist als ein KGV von 20. Dass ich sie nicht verkauft habe, liegt an den Steuern. Bei Einkaufskursen zwischen 30 und 40 Euro wird man geschlachtet, wenn man sie verkauft. Aber da schau man halt mal: Ich hielt sie für zu teuer, als wir sie gekauft haben. Denke ich immer noch. Aber ich verkaufe sie halt nicht. Und den letzten Kursanstieg finde ich überraschend und komisch. Aber Raimund hat sie gekauft und liegt nun im Plus. Obwohl ich sie für zu teuer halte.

        • Raimund Brichta sagt:

          Erstens: wenn ich eine Korrektur für fällig halte, bleibt auch für mich die Welt vollkommen in Ordnung 🙂
          Zweitens: nicht ICH habe Texas gekauft, sondern WIR haben sie ins Depot geholt.

          • Marco Dargel sagt:

            Natürlich, entschuldige bitte. Wir haben Texas gekauft und das finde ich gut so. Und tarar, Texas ist wieder nur Nummer 2 in meinem Depot, wie schnell das geht. Aber ich will trotzdem nochmal darauf hinweisen, dass Texas heute teurer bewertet ist als zu dem Zeitpunkt, als WIR uns davon getrennt hatten.

    • Raimund Brichta sagt:

      Wenn wir schon bei „must reads“ sind, schaut euch doch lieber das einmal an. Ist zwar hinter einer Bezahl-Schranke, aber die Einleitung reicht schon:

      https://tavicosta.substack.com/p/feds-doge-moment

      Zur Erinnerung: Jerome Powell galt anfangs als marktorientierter Falke.

      Dann entwickelte sich die Fed zu einer der taubenhaftesten Zentralbanken in der Geschichte.
      Jeder ist ein Falke, bis die Wirtschaft zu bröckeln beginnt.

      Fed’s DOGE Moment
      Different Chair, Same Constraints
      TAVI COSTA
      JUN 19, 2026

      Imagine looking at this chart and concluding that the Fed is about to become meaningfully hawkish.

      That reminds me of the DOGE narrative.

      Investors became convinced that government spending was finally going to decline.

      It didn’t.

      The reason wasn’t a lack of effort. The reason was that the system could not tolerate it.

      The same is true of monetary policy.

      At current debt levels, the Fed’s ability to maintain genuinely restrictive policy is far more limited than most investors appreciate.

      I would fade the hawkish narrative.

  • Michael sagt:

    Nicht überraschend für mich, denn Deutschland ist technologisch abgehängt und bekommt nichts mehr auf die Reihe:

    https://www.n-tv.de/ticker/Medienbericht-VW-will-Zusammenarbeit-mit-Bosch-fuer-autonomes-Fahren-beenden-id31024285.html

    Damit das System „im besten Deutschland aller Zeiten“ (Zitat Steinmeier) noch ein Weilchen am Leben bleibt, werden die erarbeiteten Vermögen durch weitere Steuern und Abgaben geschreddert.

    Wer den Verfall nicht erkennt, ist blind.

    Die Erfolgreichen und Cleveren agieren:

    https://www.fr.de/wirtschaft/millionaere-kehren-deutschland-den-ruecken-anfragen-nach-wohnsitzwechsel-steigen-um-16-prozent-94362598.html

  • Michael sagt:

    Es würde mich nicht überraschen, wenn SpaceX den klassischen Telekommunikationsanbietern das Wasser abgräbt – wäre nicht die erste Disruption von Big Tech / Musk. Interessanter Artikel:

    https://www.n-tv.de/wirtschaft/Neue-Geruechte-lasten-schwer-auf-Telekom-Aktie-id31027926.html

    Bin auf dem Gebiet kein Experte.