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Greiffbar – Inflations-Exorzist

24. Mai 2024
Volker Schilling
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von Volker Schilling

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

Tanz der Teufel

Kaum ein anderes Genre hat so viele Klischees wie der Horrorfilm. Immer steht da irgendwo ein gruseliges Haus in einem einsamen Nest mit Gestalten, um die sich schaurige Erzählungen ranken. So wie in dem unbekannten Ort Washington D.C., wo sich Mitglieder der Notenbank regelmäßig zusammenfinden. Der Inflations-Exorzist mit dem unscheinbaren Namen Jerome Powell versammelt dort seine Jünger, um im Anschluss mysteriöse Protokolle zu hinterlassen. Diese wurden im Wochenverlauf von Unbedarften gefunden und gedeutet, um ihren Inhalt zu orakeln. Ist es eine unheilvolle Prophezeiung, die den Tanz der Teufel in den Tempeln der Börsen beeinflussen? ES wurden Zinssenkungen erwartet, aber der Poltergeist von Zinserhöhungen scheint nicht ausgetrieben. Die Börsenkurse für unschuldige Anleger gehen daher erst einmal in den Keller, in dem gerade urplötzlich das Licht ausgefallen ist. Ein unheimliches Geräusch dort ist aber kein nahendes Omen eines Crashs, sondern vielmehr das berühmte Kätzchen, welches im crescendo der gruseligen Hintergrundmusik unter dem Schrank hervorspringt. Aber vielleicht ist genau dort der Friedhof der Kuscheltiere versteckt:

Friedhof der Kuscheltiere

Der Friedhof wird stets nachts besucht und im Idealfall bei Vollmond. Nachdem diese Woche das Pendel des Todes dort neben dem Antichristen Irans Ebrahim Raisi, auch der Kirch-Jäger Van Helsing der Deutschen Bank Rolf Breuer Einzug hielt, konnte auch ein unbekannter Passagier auf einem unheilvollen Flug nach Singapur nicht mehr gerettet werden. Auch im richtigen Leben kommt der Tod oft unerwartet. Stören wir nicht weiter die Totenruhe und verscheuchen den Nebel des Grauens. Bevor das Unheil seinen Lauf nimmt, ist im Horrorgewerbe stets die Ausgelassenheit am Werk. So wie beim Shining des Edelmetalls Gold mit neuen Höchstständen. Oder The Crypt Ethereum, der aus der Gruft des Grauens emporspringt. Doch das derzeit fruchtbarste Baby stammt nicht von Rosemary, sondern von Jen-Hsun Huang, dem Chef von Nvidia, der diese Woche erneut Rekordzahlen vermeldete. Ähnlich wie bei der Filmreihe SAW ist kein Ende in Sicht. Die Börsen feiern, während die Skeptiker Die Heimsuchung vermuten. Guter Psychoterror gehört eben zur Spannung. Apropos:

Psycho

Als Kenner der Materie weiß man, dass geweihtes Silber jeden American Werwolf töten kann. Aber bis heute ist unklar, ob die aktuell starken Wertschwankungen von Kupfer & Co diese Woche wirklich übernatürlicher Natur sind. Es sei denn, Sie glauben daran, dass ein „Short Squeeze“ ein mittelalterliches Folterinstrument à la Eiserner Jungfrau sei oder Sie lesen sich dazu einmal das Drehbuch vom Rohstoffexperten Fabian Erismann durch, welches Ihnen hilft, sich weniger zu gruseln: Ein Short Squeeze im Kupfersektor erschüttert die Metallmärkte. Wahrscheinlich müssten wir an dieser Stelle noch darüber sprechen, warum im Horrorfilm stets die Schlüssel herunterfallen, wenn man sein Auto auf der Flucht nutzen möchte oder der Motor dann nicht anspringt, wenn um einen herum der World War Z tobt. Aber egal, ob Sie Alfred Hitchcocks Die Vögel oder David Cronbenbergs Die Fliege lieber mögen – Horror zielt immer auf die Psycho-logie des Menschen ab. Auf seine Urängste, auf die maximale Stimulation seiner Amygdala. Das ist fast so wie an der Börse. Oder wie Horror-Altmeister André Kostolany es einmal so schön formulierte: „Der Teufel hat die Börse erfunden, um die Menschen dafür zu bestrafen, dass sie glauben, wie Gott aus dem Nichts etwas schöpfen zu können.“ Ich schöpfe für Sie wieder nächste Woche an gleicher Stelle.

Ihr Volker Schilling

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Kommentare

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  • Michael sagt:

    Habeck führte demnach weiter aus, das gesamte Vorhaben sei eine Art politischer Versuchsballon gewesen. „Die Debatte um das Gebäudeenergiegesetz, also wie heizen wir in Zukunft, war ja auch ehrlicherweise ein Test, wie weit die Gesellschaft bereit ist, Klimaschutz – wenn er konkret wird – zu tragen.“

    https://www.nordkurier.de/politik-wirtschaft/habeck-heizungsgesetz-war-nur-ein-test-2558041

    Macht es euch Spaß, Versuchskaninchen zu sein? 😉

    Artikel aus dem Jahre 1999:

    Jean-Claude Juncker ist ein pfiffiger Kopf. »Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert«, verrät der Premier des kleinen Luxemburg über die Tricks, zu denen er die Staats- und Regierungschefs der EU in der Europapolitik ermuntert. »Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.«

    https://www.spiegel.de/politik/die-bruesseler-republik-a-3d75c854-0002-0001-0000-000015317086

    „Bis es kein Zurück mehr gibt“ = „unwiderruflich“

    Eins plus eins zusammenzählen ist keine Kunst…

  • Michael sagt:

    Zwischen den Zeilen lesen…

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article251685842/Militaerhilfe-Hofreiter-will-europaeischen-Verteidigungsfonds-mit-500-Milliarden-Euro.html

    ‚Zur Finanzierung schlug der Grünen-Politiker vor, den Verteidigungsfonds ähnlich wie den Corona-Wiederaufbaufonds zu gestalten. „Dafür würde die EU-Kommission an den Kapitalmärkten Kredite aufnehmen.“‘

    Was haben die „Corona-Krise“, „Klima-Krise“, „der Russe vor Berlin“-Krise gemeinsam?

    Alle Krisen sind „alternativlos“, kosten Unsummen an Geld und erhöhen die Schuldenaufnahme der Allgemeinheit.

    Hängt das Überleben der Banken und das westliche Finanzsystem („Kapitalmärkte“) an einer stetig wachsenden Kreditvergabe?

    Die Partei der GRÜNEN schreit am lautesten für neue, gigantische Schuldenberge, um all diese „Projekte“ zu finanzieren…

    Eins plus eins zusammenzählen ist keine Kunst…

  • Peter Czeck sagt:

    „Zinssenkungen erwartet“…zumindest im Euroraum stehen die Chancen dafür doch m.E über 50% …wartet nur bald….DAX 19.000. DAX-KGV schlägt Rendite festverzinsl. Bundesanleihe deutlich.

    • Andreas B sagt:

      Die Zinssenkung im Juni bei der EZB sollte eher bei 100% stehen, was die bisherige Kommunikation betrifft, alles andere wäre ein Vertrauensverlust gegenüber dem Markt… was danach wird, steht auf einem anderen Blatt. Ich denke die EZB kann dann nicht schnell weiter senken, wenn die Inflation ggf. sogar wieder etwas anzieht…

      • Peter Czeck sagt:

        TINA lebt

      • Sandro sagt:

        Interessanter finde ich die Frage, wann die Zinsen der 10jährigen US-Anleihen wieder stärker zurückgehen. Man kann sich überlegen, dass die abschreckenden Erfahrungen aus den beiden schweren Bärenmärkten nach 2000 (Dotcom-Blase 2001 und Finanzkrise 2009) vielleicht viele Anleger lange Zeit in Bonds getrieben hatten. Es gab – abgesehen von den Notenbanken – immer genug Investoren, die auch noch bei Minuszinsen noch zugriffen, was die Negativzinsphase möglich machte / mitbefeuerte. Nun sind Aktien wieder begehrter, während die Staatsschulden in vielen Ländern immer weiter steigen. Bonds finden daher zukünftig vielleicht dauerhaft weniger Anklang bei Investoren. Was bedeutet das zukünftig? Dauerhafte Zinsinversion? Crack-Up-Boom bei Aktien, Gold und Kryptos? Müssen die Notenbanken ihre Anleihenkaufprogramme vielleicht schon bald wieder hochfahren, um die Zinsen am langen Ende klein zu kriegen? Meinungen?

        • Raimund Brichta sagt:

          Auch mir greift der von fast allen Fachleuten gebetsmühlenhaft herbeigeredete direkte Zusammenhang zwischen US-Rendite und Leitzinserwartungen viiiiiiiiel zu kurz. Da wird stets behauptet, auch in den Interviews der Telebörse: Wenn die US-Renditen fallen, seien Leitzinssenkungshoffnungen der Grund; wenn sie steigen, das Gegenteil, also nach hinten verschobene Leitzinssenkungshoffnungen.

          Gerne wird das noch mit einer Portion Fachjargon verbunden: Zinshoffnungen würden am Anleihemarkt eben „ein- oder ausgepreist“. Für zuhörende Laien mag das ganz plausibel klingen, es stimmt aber nicht. Denn:

          Die Anleiherenditen sind von einer Reihe weiterer wichtiger Faktoren abhängig:

          ➡️ Wieviel Schulden nimmt der Staat auf, wie viele Anleihen muss er also verkaufen?

          ➡️ Wer tritt als Käufer von Staatsanleihen auf und in welchem Umfang? Die Fed, China, Japan etc.

          ➡️ Wer baut auf der anderen Seite seine Anleihebestände ab? Die Fed, China, Japan etc.

          Deshalb gibt es den simplifiziert herbeigeredeten direkten Zusammenhang nicht. Es gibt sogar Phasen, in denen sich Renditen und Leitzins gänzlich entkoppeln. Der Zeitraum 2003-2007 ist ein Beispiel dafür:

          👉 Da sind die Leitzinsen gestiegen, die Renditen aber gefallen.

          Fazit: Da Washington weiter fleißig Schulden macht (egal ob mit Biden oder Trump im Weißen Haus), der Anleihe-Appetit Chinas, Japans und anderer aber deutlich abnimmt, kann nur die Fed einen weiteren Renditeansieg verhindern oder umkehren. Dies aber nicht, indem die Fed Leitzinshoffnungen schürt, sondern indem sie Staatsanleihen kauft. Nach meiner Erwartung wird sie das langfristig auch tun. Der Fed-Beschluss vom 1. Mai dürfte ein erster Schritt in diese Richtung gewesen sein. Stay tuned!