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Greiffbar – Here You Come Again

28. August 2026
Volker Schilling
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von Volker Schilling

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

9 to 5

Dolly Parton sang 1980 über das tägliche „9 to 5“. An der Wall Street hatte zuletzt schon die Fünf gereicht, um alle nervös zu machen. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen schoss zeitweise auf fast 5,34 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007. Heartbreaker vor allem für hoch bewertete Growth-Aktien, denn je höher der Zins, desto weniger ist die weit entfernte Zukunft heute wert. Immerhin kam diese Woche Entspannung: Brent fiel wieder unter 90 Dollar und nahm damit auch etwas Druck von den Anleiherenditen. Entwarnung sieht trotzdem anders aus. Die amerikanische PCE-Inflation lag im Juli bei 3,7 Prozent, während der reale Konsum stagnierte. Und so spielt Washington derzeit ein bemerkenswertes Duett: Die Fed diskutiert über höhere Zinsen, während das Finanzministerium Two Doors Down mit größeren Rückkäufen langlaufender Staatsanleihen versucht, den Bondmarkt zu beruhigen. Bei mehr als 40 Billionen Dollar Staatsschulden ist das keine Kleinigkeit. Der KI-Boom arbeitet schließlich auch nicht 9 to 5, sondern 24/7 und konkurriert mit den Staaten um immer größere Kapitalmengen. Vielleicht ist Kapital neben Chips und Strom bald die knappste Ressource des KI-Zeitalters.

Here You Come Again

Und wer kommt da schon wieder um die Ecke? Natürlich Nvidia. Mittwochabend meldete der Konzern 96 Milliarden Dollar Quartalsumsatz, mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr. Allein das Data-Center-Geschäft brachte 89 Milliarden Dollar. Für das nächste Geschäftsjahr stellte Jensen Huang sogar rund 70 Prozent Umsatzwachstum in Aussicht. Analysten hatten bislang 44 Prozent erwartet. Irgendwann gehen einem bei diesen Zahlen die Superlative aus. Die eigentliche Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob der KI-Boom real ist, sondern wer mit den gigantischen Investitionen am Ende Geld verdient. Nvidia tut es zweifellos. Beim Goldrausch verdient der Schaufelverkäufer schließlich auch dann, wenn der Goldsucher kein Gold findet. Nur heißen die Schaufeln heute GPUs und die Goldsucher Hyperscaler. Und die greifen tief in die Taschen: Der KI-Ausbau frisst inzwischen so viel Kapital, dass bei einigen Techgiganten der freie Cashflow zunehmend unter Druck gerät. Für Nvidia ist das ein wunderbarer Coat of Many Colors. Für die Kunden muss sich irgendwann zeigen, ob unter all den Rechenzentren tatsächlich Gold liegt. Wer Nvidia dagegen schon vor Jahren wegen der Bewertung verkauft hat, dürfte inzwischen bei Those Memories of You angekommen sein. Oder wie Dolly vielleicht gesungen hätte: Jolene, Jolene, Jolene, Jolene please don’t take my margin just because you can.

Islands In The Stream

Während alle gebannt auf die amerikanische KI-Insel schauen, verändern sich andernorts die Strömungen. Ausgerechnet Deutschland, jahrelang der kranke Mann Europas, paddelt plötzlich wieder mit. Das BIP wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. Vor allem die Exporte überraschten mit einem Plus von 2,0 Prozent. Gleichzeitig stieg das ifo-Geschäftsklima im August auf den höchsten Stand seit einem Jahr. Nach Jahren des deutschen Dauerblues könnte man fast meinen: The Grass Is Blue. Ein Wirtschaftswunder ist das noch lange nicht, aber immerhin scheint uns das Wasser nicht mehr bis zum Hals zu stehen. Vielleicht heißt es für Deutschland also endlich Better Get to Livin‘. Interessant ist dabei der Gegensatz zu Amerika: Dort glänzen KI-Investitionen, während der reale Konsum zuletzt stagnierte und hohe Zinsen bremsen. Hierzulande kommen erste Lebenszeichen ausgerechnet von Industrie und Exporten. Noch sind das keine Islands In The Stream, aber vielleicht schwimmt Deutschland endlich wieder mit der Strömung statt ständig dagegen. Und sollte daraus tatsächlich ein nachhaltiger Aufschwung werden, wäre nach Jahren der Stagnation sogar Starting Over Again möglich. Das letzte Wort gehört heute allerdings nicht der Börse, sondern Dolly Parton. Am Dienstag ist sie im Alter von 80 Jahren gestorben. Sie hinterlässt mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger und Songs, die Generationen begleitet haben. Vor allem aber hinterlässt sie etwas, das in keiner Börsenstatistik auftaucht: Sie hat mehr als 330 Millionen kostenlose Bücher an Kinder verschickt. Bei all den schwindelerregenden Zahlen an der Börse dieser Woche ist das vielleicht die schönste Zahl von allen. Vielleicht war es sogar Dolly Partons bestes Investment überhaupt. Ruhe in Frieden, I Will Always Love You.

Ihr Volker Schilling

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