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Greiffbar – Gas oder nur heiße Luft?

8. Juli 2022
Volker Schilling
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von Volker Schilling

Welche Themen waren diese Woche am Finanzmarkt relevant?

Gas geben

Während die einen den Gashahn zudrehen, geben die anderen richtig Gas. Die Rede ist vom EU Parlament, welches diese Woche beschlossen hat, der Kernenergie und dem Gas ein grünes Label zu verpassen. Die EU-Nachhaltigkeitsordnung, kurz als Taxonomie bezeichnet, ist damit um ein weiteres Kapitel „staatlich legitimiertes Greenwashing“ gewachsen. Ich kann verstehen, dass Staaten der Meinung sind, dass Kernenergie oder auch Gas als Brückentechnologien gebraucht werden. Aber warum muss das in der Taxonomie festgehalten werden? Wenn es den Staaten so wichtig ist, dass Unternehmen dieses Sektors auch weiterhin Zugang zu günstigen Krediten und Kapital haben, dann hätte man dies mit anderen Gesetzen oder Verordnungen regeln können. Aber einfach so zu tun, als hätten diese beiden Energieformen plötzlich ein sauberes Image und ein Ökolabel verdient, ist mehr als heuchlerisch und untergräbt die Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit einer europäischen Nachhaltigkeitsordnung. Wir sollten schleunigst bei den erneuerbaren Energien Gas geben und bei den jetzt benannten Energieformen künftig vom Gas gehen. Apropos:

Vom Gas gehen

Da die EU sich dazu aber aktuell nicht in der Lage sieht, hat sie völlig zu Recht darauf hingewiesen, wie dringend die Industrien Europas die Energielieferanten Uran und Gas brauchen. Und ja, ich kann die Forderungen nach Laufzeitverlängerungen der deutschen Kernkraftwerke genauso verstehen wie den Wunsch, noch möglichst viel Gas in die Speicher zu bringen. Ich halte beides in Anbetracht der Lage für richtig. Denn eines ist schon jetzt klar: Russland geht vom Gas und wird weiter die Zufuhr nach Europa reduzieren, wenngleich ich glaube, dass nach der Wartungsabschaltung von Nord Stream 1 es wieder zur Aufnahme von Gaslieferungen kommen wird. Die Märkte in Europa signalisieren aber deutlich, dass man vom Schlechteren ausgeht und eine Rezession einpreist. Folge: Der Euro fällt zum Dollar auf den tiefsten Stand seit 2002 und könnte nächste Woche unter die Parität rutschen. Da stand der Euro zum Dollar kurz nach Einführung schon einmal, weshalb ein Test dieses Tiefs aus meiner Sicht mehr als wahrscheinlich ist. Nur am Rande: Das erhöht den inflationären Druck weiter, da am Weltmarkt die meisten Güter in US-Dollar eingekauft werden müssen. Die EZB-Ankündigung von Zinssteigerungen ist daher keine heiße Luft, wie viele schon wieder glauben. Ganz anders hier:

Auch heiße Luft ist Gas

UK-Premierminister Boris Johnson erlebte diese Woche seinen Hindenburgmoment. Im Brexitwahlkampf mächtig aufgestiegen, blähte sich der egozentrische Johnson zu einem Dickschiff der Skandale und Negativschlagzeilen auf. Im Landeanflug seiner sinkenden Popularität wurde an Bord des mit heißer Luft gefüllten Partygatewunder die Misstrauensrakete gezündet, die wie erwartet das ganze Schiff in Brand steckte. Nachdem diese Woche ein Viertel seiner Mannschaft von Bord ging und sogar sein Kater Larry auf Twitter seinen Auszug aus Downing Street No.10 meldete, schlug Johnson auf dem Boden der Realität auf und verkündete seinen Rücktritt als Party –sorry- Parteichef. Premierminister will er bleiben, bis ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gefunden ist. Wer weiß, vielleicht kehrt in diesem Juli die May zurück? Sie meinen dieses Gerücht wäre heiße Luft? No, thats just gas!

Ihr Volker Schilling

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Kommentare

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  • G.Braig sagt:

    Hallo Herr Schilling, wenn man die alternative Energieversorgung vorantreiben soll so stellt sich für mich immer die Frage wo bekommen wir im Winter den Strom her.
    Nach meinen Beobachtungen ist es bei uns von November bis Februar voll mit Nebel und der Wind geht auch kaum.
    Woher kommt dann der Strom? Aus Frankreich und Tschechien von Atomstrom dann können wir gleich unsere Kernkraftwerke am Netz lassen. Ab 2035 gibt es keine Verbrennungsmotoren mehr. Bei einem Unglück wie im Ahrtal laufen dann die Bagger , die verschüttete Menschen suchen mit e-Motor . Nur wenn der Akku leer ist muss man halt den Akku wieder laden und solange müssen verschüttete Person warten. Und es gibt noch weitere Beispiele. Um wieder auf die Börse zurückzukommen die Unsicherheit für die Unternehmen nimmt zu folglich werden die Investitionen in Europa zurückgehen.

    • Volker Schilling sagt:

      Hallo Herr Braig, ich bin in weiten Teilen durchaus Ihrer Meinung, aber ich sehe nicht, warum man dazu Kernenergie und Gas in eine Nachhaltigkeitsordnung bringen muss. Dass wir Kernenergie evtl. weiter nutzen und auch Gas und Öl brauchen, das habe ich mit meinem Satz: „Ich halte beides in Anbetracht der Lage für richtig“, doch ebenfalls positiv beschieden. Mir geht es nicht darum grüne „Wolkenkuckucksheime“ zu bauen, sondern realistisch einen Blick darauf zu werfen. Dazu gehört aber auch, dass wir bei den Erneuerbaren durchaus etwas weiter sein könnten. Und damit ließen sich auch Investitionen nach Europa ziehen und der Börse damit auch helfen. Schließlich ist die Börse der beste Marktplatz für Zukunftstechnologien.

  • Michael sagt:

    In China werden Verbrennungsmotoren bis mindestens 2060 im Einsatz sein, bei ca 1,3 Mrd Menschen.

    Indien? 1,3 Mrd Menschen, die fossile Energieträger verstärkt verbrauchen.

    In den USA fangen die Menschen an, über den Green Deal zu fluchen. „Biden did it.“

    Und hierzulande plappern alle die Ökophrasen nach, weil es der Opportunismus gebietet.

    Richtig, Investitionen lohnen bei hohen Energiepreisen in Europa nicht mehr. Deindustrialisierung ist die Folge, spart immerhin CO2 ein. Gut für die Industrie der USA. Die Dummheit Europas ist das beste Konjunkturprogramm der USA.

    Ob Absicht dahinter steckt?

    • Volker Schilling sagt:

      Hallo Michael, ich versuche schon bei meinen Kindern zu erklären, dass nur weil andere etwas Dummes machen, es kein Grund ist ebenso zu handeln. Wir beide wissen, dass wir China und Indien mit ins Boot holen müssen, wenn wir global wirklich was verändern wollen. Aber selbst nichts zu tun, weil erst einmal die anderen was machen sollen oder ohne die anderen es ohnehin nichts bringt, ist ein Fatalismus, den ich nicht teile. Ich bin weit davon entfernt Ökophrasen nachzuplappern, aber es gibt eben auch Chancen, die in einer nachhaltigen Marktführerschaft stecken. Technologien und Innovationen, die wir ebenfalls wieder exportieren können, weil sich andere darum eben noch nicht bemüht haben. Wird spannend dann zu sehen, wer am Ende der Dumme ist. Ich würde Europa und Deutschland da nicht so schnell abschreiben.

    • Sandro sagt:

      „Und hierzulande plappern alle die Ökophrasen nach, weil es der Opportunismus gebietet.“

      Tja, und wenn früher weniger Leute Lobbyisten aus der Industrie nachgeplappert hätten, dann bräuchten heute weniger Leute Ökophrasen nachzuplappern.

      Einst wurde die Solarenergie in Deutschland stark gefördert, und es gab deutsche Unternehmen, die die Technologie deutlich voranbrachten. Als dann gerade alles begann, Fahrt aufzunehmen, gab es eine starke Lobby dagegen, weil andere Unternehmen Angst hatten, dass Energiepreise durch die Solartechnik teurer werden würde, womit sie völlig daneben lagen – auch schon zu Zeiten lange vor Corona und Ukraine-Krieg. In der Folge wurde die Förderung eingestellt und die Solarindustrie in Deutschland ging den Bach herunter. Um die Solarindustrie in Deutschland wieder neu aufzubauen, ist es aber nun längst viel zu spät. In Deutschland wurde die Technologie mit Fördermitteln vorangebracht, aber die Früchte davon werden in China geerntet. Dumm war, wer damals die Phrasen der Anti-Öko-Lobbyisten nachgeplappert hatte. Dumm war die Politik, die dem auf den Leim gegangen war.

  • Michael sagt:

    1) Die Entwicklung von auf dem Weltmarkt führenden Technologien setzt eine hoch gebildete Jugend in den MINT Fächern voraus. Deutschland auf dem Abstellgleis.

    @Volker: ich bin mir sicher, dass auch Deine Kinder an einer internationalen Universität studieren werden – mindestens 1 Jahr. Habe ich auch gemacht, hat positiv geprägt und sehr sehr viel Spaß gemacht 😀

    2) die Produktion von auf dem Weltmarkt konkurrenzfähige Produkte setzt billige Energiepreise voraus. Deutschland und Europa auf dem Abstellgleis.

    1) und 2) waren jahrzehntelanger Konsens in Deutschland, Deutschland war genau deshalb erfolgreich und Exportweltmeister – übrigens trotz verbrecherischer Vergangenheit. 1) und 2) waren Grundlage für Wohlstand, Vermögen und individuelle Freiheit.

    Eins wird ganz gewiss nicht passieren: dass ein Chinese, Inder oder sonstwer seine Standortvorteile ausgibt, um „das Klima“ zu retten.

    Btw: Ich bin schon persönlich von einem Chinesen angesprochen worden auf bestimmte politische Entscheidungen in Deutschland, die auf völliges Unverständnis gestoßen sind. Die denken alle sehr rational und konsequent auf den eigenen wirtschaftlichen Vorteil bedacht.

    • Aries Eeberg sagt:

      Hallo Michael, wir haben noch etwas gemeinsam: ein Studienjahr im Ausland – Bafög sei Dank. Auch für mich war es sehr prägend. Diese Erfahrungen haben mich zu einem besseren Menschen gemacht und wohl auch zu einem besseren Investor.
      .
      Außerdem freue ich mich über den Turnaround-Wednesday. Trotz schlechter Nachrichten (hohe Inflation in USA) haben die Märkte in USA ins Plus gefunden. (Stand 19.00 h MEZ)

      • Michael sagt:

        Hallo Aries,

        Wie Du siehst, haben auch wir ein paar Gemeinsamkeiten. 😉 mir ging es ähnlich…

        Ja, auch heute wieder schlagen sich die US Börsen trotz Negativnachrichten ordentlich.