von Raimund Brichta
Der oberste US-Notenbanker Powell scheint schon jetzt Angst vor seiner eigenen Courage zu kriegen.
Ich meine nicht die geplanten Zinserhöhungen. Die werden erst mal weitergehen.
Ich meine auch nicht seine gestrige Einlassung, dass kein Zinsschritt geplant sei, der einen dreiviertel Prozentpunkt erreicht (allenfalls einen halben).
Ich meine das, was er und seine Kollegen zur geplanten Bilanzschrumpfung verkündet haben:
• Die ursprünglich avisierten 95 Mrd $ pro Monat werden in etwa halbiert, wenn auch zunächst nur für drei Monate. Erst danach – so wenigstens der augenblickliche Plan – soll das Tempo auf monatlich 95 Mrd erhöht werden.
• Dabei will Powell keine Anleihen aktiv verkaufen. Er will sanfter vorgehen und die Bilanz nur dadurch schrumpfen, dass er fällige Papiere nicht mehr ersetzt. (Auch dadurch wird Notenbankgeld vernichtet. Wem das nicht klar ist, der kann es sich gerne noch mal von mir erläutern lassen.)
Für noch interessanter halte ich jedoch die Erklärungen, die danach folgen:
• Die Notenbanker weisen nämlich explizit darauf hin, dass sie langfristig hohe Anleihebestände in der Bilanz behalten wollen. In ihrem Sprech liest sich das so:
“Im Laufe der Zeit beabsichtigt der Ausschuss, die Wertpapierbestände in dem Umfang aufrechtzuerhalten, der für eine effiziente und wirksame Durchführung der Geldpolitik im Rahmen seines Systems der reichlichen Reserven erforderlich ist.“
Die “reichlichen Reserven“ sind hier das Schlüsselwort. Wie reichlich die Reserven künftig sein sollen, präzisieren die Notenbanker natürlich nicht. Aber im Vergleich zu den Äußerungen des Notenbank-Falken Bullard zum Jahresanfang klingt das jetzt viel sanfter, fast schon taubenhaft. (Bullard hatte großspurig verkündet, die Bilanz könne möglicherweise sogar unter das Vor-Corona-Niveau geschrumpft werden. Dieses lag bei rund 4 Billionen Dollar, gegenüber augenblicklich fast 9 Billionen.)
Weiter schreiben die Notenbanker:
“Um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, beabsichtigt der Ausschuss, den Rückgang der Bilanzsumme zu verlangsamen und dann zu stoppen, wenn die Reserveguthaben etwas über dem Niveau liegen, das seiner Ansicht nach mit reichlichen Reserven vereinbar ist.“
Im Klartext: Schon bevor das „reichliche“ Niveau der Anleihebestände erreicht ist, soll die Bilanzschrumpfung gestoppt werden.
Am Ende versichern die Notenbanker noch, dass sie bereit sind, “alle Einzelheiten des Ansatzes zur Reduzierung der Bilanzsumme im Lichte der wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen anzupassen.“
Im Klartext: Sobald nötig, werden wir die Bilanzsumme auch wieder erhöhen.
Fazit:
Dieser Text ist ein erster Rückzieher Powells von der aggressiven Bilanzschrumpfung. Ich bin gespannt, wann der nächste Rückzieher kommt. Powell wird die Zahnpasta nicht zurück in die Tube kriegen.
Wer auf den Originaltext wert legt, findet ihn hier.

Wie ich gestern schon schrieb… das Verhalten lässt tief blicken.
Da aber die Börsenrally gestern nach der FED Sitzung heute gleich wieder kein Bestand mehr hat, habe ich meine geringe Cashquote nun erhöht.
Sämtliche Indizes massiv im Abverkauf, Gold und Silber mit starken Abschlägen. Eine wunderbare Deflation.
Im Nachbarthread wurde gemutmaßt, dass Kostolany nun kaufen würde. Sehe ich anders… Ich zitiere aus dem mEn wichtigsten Kostolany-Artikel für Börsianer
https://www.welt.de/print-welt/article502900/Geld-Psychologie-Tendenz.html
Unbedingt konzentriert lesen! Wir sehen mal wieder, wie Kostolanys Erfahrungen zeitlos sind.
„Droht den Märkten durch Zinserhöhungen das Geld auszugehen, sollte jeder Vollblutspekulant aussteigen – und auf fallende Kurse setzen“
„Anleger, die Aktien auf Kredit gekauft haben, müssen diese auf Grund der gestiegenen Kreditkosten verkaufen.“
-> Diese Szenarien könnten uns noch bevorstehen…
„Achten die Börsianer hingegen mehr auf die positiven Unternehmensgewinne und auf die allgemeinen Wirtschaftsdaten, kann es passieren, dass die Notenbank die Zinsen mehrmals anhebt und die Börse trotzdem weiter steigt.“
-> Positive Unternehmensgewinne – die immer seltener werden – finden aktuell nur noch sehr kurz Beachtung, bspw 24 Stunden. Im Nachbarthread habe ich „Sell the ralley“ geschrieben. Ein klares Signal.
-> negative Unternehmenszahlen, und die Kurse werden geviertelt. Eine gesunde Marktbereinigung.
Die FED hat gestern einen kleinen psychologischen Kniff angewendet, der ein paar Stunden die Märkte gestützt hat. Mehr nicht.
Mutig Michael, sehr mutig. Welche Alternativen zur Aktienanlage siehst du? Ich verkaufe nix…fühle mich mit meiner Barreserve wg. der horrenden vmtl. weiter steigenden Geldentwertung eh schon unwohl. Hast du einmal über das Problem negative Realzinsen nachgedacht?
Hi Peter,
es gibt keine Alternative zur Aktienanlage. Wir sind uns völlig einig.
In meiner persönlichen Anlagestrategie halte ich aktuell verhältnismäßig viel Cash. Jeder sollte eine Strategie haben und diese konsequent und ohne Emotionen befolgen.
Ja, auch Cash wird entwertet, Stichwort negative Realzinsen. Aber nicht in der Geschwindigkeit wie Aktien bzw der Gesamtmarkt. Manche 2021 Highflyer sind mittlerweile geviertelt, auch die Tanker – für mich Assets – haben seit November abgebaut.
Kostolanys Erfahrungen sind zeitlos. Er hat mal wieder Recht. Referenz siehe obiger Link und seine Gleichung „Geld plus Psychologie gleich Tendenz“.
@Robert Z.: am besten Kostolany richtig verstehen, siehe Link.;-)
Hi Michael,
da muss ich dir zustimmen. Ich halte sicher nicht so viel Cash wie du, aber ich erachte es auch als sinnvoller – unabhängig der starken negativen Realzinsen – eine höhere Cashquote zu haben, um die dann, wenn sich eine positive Trendwende abzeichnet, wieder zu investieren.
10 Prozent an der Börse verloren, geht schnell. 10 Prozent Kaufkraftverlust bei angenommen 10 Prozent negativem Realzins oder 10 Prozent Inflation, dauert 1 Jahr.
Ich hatte bisher noch nie ein so glückliches Händchen, bei einem Crash rechtzeitig raus zu sein und eine hohe Cashquote zu haben, denn dann sind wir eben auch beim Thema Timing und dann Börseneinstieg wieder. Ganz aus der Börse zurückziehen, macht kein Sinn und Stockpicking ist wichtig. Aber ich habe deine Sicht immer im Hinterkopf.
@Peter: sorry, momentan kippe ich mehr zur Seite Michael in der aktuellen Börsensituation und Marktlage. Dass trotz der bessseren Nachrichten der FED der Abverkauf so schnell wieder kam, hat mich zum Nachdenken gebracht. Das Risiko nach unten für die nächsten Monate ist klar höher als die Chance nach oben etwas zu verpassen. Zumindest komplett Aussitzen könnte vielleicht doch zu viel Prozente kosten.
Gut Michael dann sind wir uns ja mal weitgehend einig. Ein kleiner Dissens bleibt. Negativzinsen sind für mich keine Zinsen. Solange diese andauern gibt es i.d.S. auch keine Zinserhöhungen. Als Kostolany seine Bücher schrieb gab es dieses Phänomen …negative Realzinsen…gerade nicht. Deshalb hat er sich damit auch nicht auseinandergesetzt. So hohe negative Realzinsen wie aktuell sind eine Rarität. Wie sich hohe Inflationswerte auf die Börse auswirken kann man seit geraume Zeit an der Börse Istanbul durchs Vergrößerungsglas beobachten.
Negative Realzinsen gab es zu Kostos Lebzeiten schon – negative Nominalzinsen aber nicht.
Zu Kosto und negativen Realzinsen
Kosto schreibt zur Inflation: „…Am Ende ist die Geldentwertung so hoch, dass die Realzinsen (Nominalzins minus Inflationsrate) negativ werden. Um sich gegen diese Vernichtung des Geldwertes zu schützen, flüchten viele Sparer in Sachwerte – allen voran Gold, aber auch alte Bilder, Briefmarken, Antiquitäten etc. Dadurch wird dem Finanzkreislauf das Geld entzogen. Der Wirtschaft fehlen die Mittel für Investitionen, was zu Massenentlassungen und am Ende zu einer schweren Wirtschaftskrise führt. So war es z. B. in Frankreich zur Zeit des Goldstandardsystems…“
Kosto schreibt auch:
„…Eine ebenso wichtige Rolle für den Faktor Geld spielt der langfristige Zinsfuß. Dieser ergibt sich aus der Verzinsung der Anleihen am Kapitalmarkt, die auch Obiligationen oder festverzinsliche Wertpapiere genannt werden. Je höher die (Real-)Verzinsung ist, desto mehr machen sie der Aktie Konkurrenz….“
Interessant, dass Kosto hier nicht auf die Nominalverzinsung, sondern auf die Realverzinsung eingeht. Was würde er wohl sagen, bei der aktuellen Realverzinsung?
Da die Realverzinsung so niedrig ist wie kaum zuvor, dürfte sie nach Kosto überhaupt keine Konkurrenz zur Aktie darstellen.
Ah danke Sandro, diese Textstellen kannte ich bisher nicht. Kannst Du die Fundstellen noch genauer benennen?
Ich habe eine Taschenbuchausgabe von 2021 vorliegen (10. Auflage). Die erste Textstelle findet sich dort auf S. 106, Z4ff. im Unterkapitel: „Inflation: Nur der Kampf gegen sie ist schädlich“.
Die zweite Textstelle findet sich auf S. 113, relativ zu Beginn des Unterkapitels: „Anleihen: Die Konkurrenten der Aktie“.
Ich glaube, wir wissen jetzt, was unsere Bibel ist. Ich finde dieses Büchlein auch klasse und habe es mehrfach gelesen. Aber Kosto wollte kein Handbuch schreiben, sondern eine Kunst lehren: Die Kunst, über Geld nachzudenken.
Es gibt fuer mich nur eine Bibel und sonst gar nichts
👍
@Michael: „am besten Kostolany richtig verstehen“
herzlichen Dank für den Link – ich glaube ich habe ihn richtig verstanden. Aber den Buchtitel kannst Du mir bei Gelegenheit trotzdem mal mitteilen. Nun zu Eurer Strategie Diskussion:
• „keine Alternative zur Aktienanlage“ . Ist jemand von Euch in Immobilienaktien drin?
• „…viel Cash“. Alternativ könnte man natürlich einfach mit „Gegengift“ absichern. Dann muss man das Depot nicht gravierend ändern und kann die Positionen weiter optimieren. Ob sich nun der finale Crash ankündigt oder ob es wieder nach oben geht: Mit 1 Klick haut man die Sicherung raus und kauft dafür die dazu entsprechenden Aktien.
• „Stichwort negative Realzinsen“. Ein absolut konstantes Aktiendepot unterliegt zunächst derselben Inflation. Wenn man annehmen würde dass die Nominalzinsen und die Dividenden sich ausgleichen wäre man auch noch nicht weiter. Das Aktiendepot sollte also schon eine Wertsteigerung gegenüber Festverzinslichen aufweisen.
• Für den Fall dass eine schwere Finanzkrise mit Währungsreform droht hat ja Raimund sich in Buch und Blog geäussert. Da kommt dann die Politik dazu – leider!
„Ein absolut konstantes Aktiendepot unterliegt zunächst derselben Inflation.“
Wenn das Aktiendepot derselben Inflation unterliegt, ist es aber langfristig nicht absolut konstant. Die Inflation erhöht auch die Gewinne der Unternehmen und teilweise die Vermögenswerte im Besitz der Unternehmen. Aktien sind Sachwerte und bieten auf lange Sicht Inflationsschutz. Das trifft natürlich nicht auf alle 1:1 zu.
„Für den Fall dass eine schwere Finanzkrise mit Währungsreform droht…“
Solange die Notenbanken genug Pulver haben, um die Notwendigkeit einer Währungsreform abzuwenden, kommt sie nicht. Noch haben die Notenbanken genug Pulver.
Von den Zins-Spreads her sind die Entwicklung doch gar nicht so negativ aus. Wer würde das auf die Idee kommen, das Kostolany’s Faktor Geld negativ ist?
Das einzige Geld, was etwas (genauergesagt: derzeit in homöopathischen Dosen) weniger wird, ist Notenbankgeld. Damit werden aber keine Aktien gekauft. Wenn der Kostolany’s Faktor Geld wirklich negativ wird, dann werden wir auch keine so hohe Inflation mehr haben.
Der Buchtitel lautet (auf Deutsch): André Kostolany: Die Kunst, über Geld nachzudenken.
Ich denke, zur Zeit sind wir klar in einem Baerenmarkt. Die Gefahr, dass Indices wie Nasdaq, S&P, Dax etc. noch mal 30% fallen, ist recht gross. Da sind 7% Inflation bei den Barreserven fuer die naechsten 6 – 8 Monate noch zu verkraften.
Tja das ist die Frage: Bleibt es bei 7% oder geht’s noch auf 10% Inflation im Euroraum. Die EZB ist ja zurückhaltend mit der Inflationsbekämpfung. Frau Schnabel ist nicht die EZB. @Andreas@Michael meine Barquote ist immer relativ. hoch 1/4 bis 1/3. Ein gewichtiger Grund f. meine Absicht meine Barquote zu vermindern ist folgender: Der Vermögensverlust der Geldwerte ist ENDGÜLTIG. Buchverluste am Aktienmarkt, wenn sich solche überhaupt weiterhin einstellen, sind VORLÄUFIG. Ob man durch Timing die endgültigen Verluste der Geldwerte wieder einspielt ist offen. Vorallem habe ich auch den Eindruck das ihr unter dem psychischen Druck der aktuellen Kursrückgänge Euerem Bauchgefühl nachgebt. Die hohe Inflation spricht f. Sachwerte. Bedenken habe ich natürlich auch wg. der Wertpapierkäufe v. Marktteilnehmern auf Kredit.
Hi Peter,
ich setze auch ausschließlich auf Sachwerte. Meine beiden Bausparer habe ich im Coronacrash aufgelöst (wären mir eh bald gekündigt worden) und in Aktien umgeschichtet.
Mein Geldwerte (für Anlagen) bestehen also soweit nur aus dem Cash der für Aktien vorgehalten wird und ziemlich schwankt. Deine Cashquote ist hoch. Meine liegt meistens deutlich darunter.
Was ich sagen wollte… wir nehmen mal an 10 Prozent Inflation. Der Cash, die Geldwerte haben 10 Prozent weniger Kaufkraft in/nach 1 Jahr…
Kommt es aber zu einer stärkeren Korrektur am Aktienmarkt (außerhalb einer gewissen Schwankungsnormalität) hat man sehr schnell 10 Prozent und mehr verloren an der Börse. Ich weiß, es sind nur Buchverluste, aber auch die müssen erstmal wieder aufgeholt werden.
Klar ist das Timing schwierig und ganz von der Börse ziehe ich mich auch nicht und nie zurück. z.B. eine Bayer behalte ich weiterhin, auch eine Mercedes, Kryptos ebenfalls (sehe ich langfristig), Edelmetalle, andere Positionen von Aktienwerten habe ich aber nun Do/Fr reduziert und Cashquote hochgefahren. Ich habe immer den Sachverhalt im Kopf: halbiert sich eine Aktie, muss sie erstmal 100 Prozent wieder gewinnen, damit man bei plusminus null ist… ein Gewinn habe ich dann noch nicht. Mein Aktienverlusttopf ist zwar nun deutlich angeschwollen, aber ich habe früher alles ausgesessen, was zumindest in Teilen ein Fehler war.
Ein Kontraindikator für die Börsenlage ist die miese Stimmung… andererseits sagte jetzt mal Markus Koch, dass z.B. US-Privatanleger gerade mal drei Prozent ihrer Aktienbestände bisher abgezogen haben. Auch die Erwartungen der Gewinne für die US-Werte wäre noch zu hoch. Es leiden zwar meist alle Werte, aber ich fühle mich mit Bewertungen von Unternehmen wo nicht für Jahre schon Dinge eingepreist sind, einfach wohler.
Ich bin wirklich gespannt auf die nächsten Wochen und Monate und vielleicht kommt es erstmal zu einer kleinen Bärenmarktrallye, bevor es weiter runtergeht.
Der starke Abverkauf bereits am Donnerstag trotz der positiven Überraschung durch die FED für die Börse hat mich nun für die kurzfristige Sicht erstmal umdenken lassen.
Klar Andreas mit dem richtigen Timing kannst Du schneller einen bedeutenden Vermögenszuwachs erzielen. An der Börse ist alles möglich…auch das Gegenteil (Kostolany)…. Irgendwie time ich mit meiner Barreserve ja auch, aber erst nach Panikattaken. Im Moment sehe ich noch eine Schaukelbörse.
@Robert:
1) „Die Kunst, über Geld nachzudenken“ von André Kostolany
2) ich hatte nie Immobilienaktien und werde sie nie erwerben. Wie haben diese in der Vergangenheit abgeschnitten? Wie viele solcher Konstrukte gingen Pleite in der Vergangenheit? Wie sieht der Immobilienmarkt in einem Deflationscrash aus?
Wenn Du Dir diese Fragen objektiv beantwortest, hast Du die Antwort auf Deine obige Investmentidee
3) Die Eigenimmobilie in sehr guter Lage ist ein Wahrer Wert und ein seltenes Gut.
„Immobilienaktien….wie haben diese in der Vergangenheit abgeschnitten?“ Ja Michael die „Vergangenheit“ ist halt ein sehr langer Zeiabschnitt. Zumindest in den letzten 7 Jahren hat z.B. TAG einschl. Dividenden sehr gut abgeschnitten. Das ist doch auch überhaupt nicht verwunderlich. Die Immobilienpreise u. die Mieten sind i.d.Z. bekanntlich stark angestiegen. Die Zinsaufwendungen f. die Finanzierung waren extrem günstig. Man kann nicht alle Immobilienaktien abwertend über einen Kamm scheren, auch wenn es immer mal Skandale gab, insbesondere auf dem grauen Kapital markt….
@Peter @Michael „Kunstverständnis“
Lieber Peter, herzlichen Dank für Deine anerkennenden Worte zur „Chart-Kunst“ beim Campbell Soup Beitrag.
• Heute lese ich diese Nachricht (s. Bild: Quelle n-tv) zum Marilyn Bild – und ich dachte sofort an Dich. Du hast jetzt genügend für das CamSoup Bild geworben. Nun solltest Du mit Deinem Original dazu aus der Deckung kommen und die Marilyn aus dem Windschatten überholen – aber der 2. Platz wäre vielleicht auch schon etwas.
• Gibt es eigentlich auch „Kunst-Aktien“?
Lieber Michael, Du wirst mich für diesen Satz nicht nur 100%ig sondern zu 200% für verrückt erklären. Meine US-Bekannten unterscheiden zwischen „To Shop“ und „To Buy“. Ich schaue halt öfter mal nach steuerbord oder backbord und nicht immer gerade aus – und aus Shopping wird nicht immer Buying.
• Letztes Jahr um diese Jahreszeit haben wir die Wasserstoff-Aktie NEL diskutiert. Ich war total gegen die Aktie. Sie war damals bei ca. 2,10 EUR – heute ist sie bei 0,67 EUR. Aber – ich finde es sehr gut dass diese Diskussion geführt wurde (obwohl es natürlich ein Antipode zum WWW war – hatte nicht 1 Cent Betriebsergebnis wenn ich mich recht erinnere). Wasserstoff kommt noch – im übrigen ist das WWD mit Air Liquide etwas mit dabei.
• Mein Interesse an Rohstoffaktien habe ich ja schon zur Genüge begründet. Ich rechne mich zwar zu den sehr Konservativen – wenn jedoch die Markt-Chancen sehr gross sind sehe ich über anderes auch mal hinweg – solange sich daran nichts ändert. Für den gleichen Markt habe ich vor knapp 2 Jahren einen Akku-Produzenten favorisiert, der sich von 70 auf heute 108 (schon volatil) verbessert hat. E-Auto und Energiespeicher: JA klar. Aber auch kein Mensch will heute noch etwas in die Steckdose einstecken – es sei denn: Den Akku laden! Nun ist auch diese Aktie wohl im Abwärtstrend wie so vieles. Wie immer sich der Einzelne jetzt verhält – Umschauen kostet Zeit aber man lernt dazu.
WB
Abgesehen von der Zahl und dem Zeitrahmen, welche nun wirklich Niemand prognostizieren kann – Zustimmung von meiner Seite
Von den Zins-Spreads her sieht die Entwicklung doch gar nicht so negativ aus. Wer würde da auf die Idee kommen, dass Kostolany’s Faktor Geld negativ ist?
Das einzige Geld, was etwas (genauergesagt: derzeit in homöopathischen Dosen) weniger wird, ist Notenbankgeld. Damit werden aber ohnehin keine Aktien gekauft. Wenn der Kostolany-Faktor Geld wirklich negativ wird, dann werden wir auch keine so hohe Inflation sehen.
Ah danke Sandro, diese Textstellen kannte ich bisher nicht. Kannst Du die Fundstellen noch genauer benennen?
Schauen wir uns doch auch einmal Textpassagen des betreffenden Kapitels von Kostolany an, die im Artikel der Welt ausgelassen wurden.
„… Derselbe Mechanismus wirkt sich natürlich auch umgekehrt aus. Das Publikum ist pessimistisch, beurteilt die Zukunft schwarz und ist knapp bei Kasse, weil es sein Geld in andere Sektoren, zum Beispiel Immobilien, Sparbüchern oder Anleihen zu höheren Zinsen, anlegen konnte und weil andererseits auch Kredite schwerer zu beschaffen sind. Fehlen Phantasie und Geld, dann stürzen die Kurse unter Druck des Angebots in die Tiefe ….“.
Hm… also ich kann nicht erkennen, dass derzeit massiv Geld in Anleihen und Sparbücher fließt und Kredite schwer zu bekommen sind – passt auch nicht zur Entwicklung der Zins-Spreads.
„… befindet sich sehr viel überschüssiges Geld im Finanzkreislauf, findet meiner Erfahrung nach ein teil dieser Liquidität spätestens nach neun bis zwölf Monaten den Weg an die Börse, selbst wenn die große Mehrheit der Anleger negativ gegenüber Aktien eingestellt ist…“.
Hm… wenn wir Kostolany wörtlich nehmen, heißt das also, dass die zuletzt geschaffene Liquidität womöglich noch gar nicht ganz den Weg an die Börse gefunden hatte, denn die Fed-Bilanz hat ja gerade erst ihr Maximum erreicht. Die EZB-Bilanz vergrößert sich sogar noch weiter.
Bevor China seine rigide no covid Strategie aus Gründen der Gesichtswahrung nicht ändert, bleiben die Lieferengpässe bestehen. Solange dürfte auch bei uns die Schaukelbörse andauern. Auch dieser Sachverhalt belegt, warum man chinesische Aktien äusserst zurückhaltend beurteilen sollte.
Sehr spannend den Wortlaut zu lesen, Danke an Raimund auch für die Einordnung. Vor allem die Dehnbarkeit der Begriffe lässt hier tatsächlich tief blicken, man ‚hofft‘ sicherlich noch auf eine Normalisierung der Inflation, um Gründe für weitere Käufe zu haben.
Wie sähe es aber aus wenn die Inflation auf hohem Niveau bleibt? Dann erscheint es mir die FED stehe vor der Wahl weiter zu Drosseln und die Wirtschaft abzuwürgen oder massig Geld zu drucken, was die Inflation in ungeahnte Größen bringen würde.
Was meint ihr?
Derzeit braucht die Fed natürlich keine Gründe für neue Käufe. Es ist aber zu erwarten, dass es früher oder später (also langfristig) wieder Gründe geben wird: Nämlich eine neue Krise, die es zu bekämpfen gilt. In einer solchen spielt die Inflation in der Regel keine Rolle.
Auch wenn es widersprüchlich erscheinen mag: Inflation und Deflation können nach meiner Einschätzung nah beieinander liegen.
Die die Herren aus der Geschichte um die 80iger nichts gelernt haben, lassen sie Leitzinsen explodiren.
@KL
Ganz klar : Daumen hoch von mir
@Raimund @Peter @Michael
*Und ich dachte immer dass ich gut „English“ kann. Jetzt verstehe ich auch die Logik dass Ihr dieses PR-Chinesisch zunächst im China Beitrag Kom. 80+ behandelt habt. Nun im Ernst: Ich wünsche mir sehr, sehr dass Raimund gerade in dieser Weise die FED nach relevanten Sitzungen als extra Beitrag kommentiert.
*Peter, bei „Schaukelbörse“ denke ich immer an Jahrmarkt. Man schaukelt mal höher mal weniger hoch und wenn man nichts mehr tut bleibt sie in der MITTE stehen.
*An „Achterbahn“ könnte man auch denken. Man fährt da in unterschiedlichen Intervallen rauf und runter (einschliesslich Looping), die Tops werden kontinuierlich niedriger und am Ende bleibt sie ganz UNTEN stehen bis sie anstrengend (mit ausserordentlicher Hilfe) langsam wieder nach oben gebracht wird. Beim Lesen von Michaels Kommentar ging mir dieses „Vergnügen“ durch den Kopf – weiss aber nicht ob ich richtig liege oder ihn missverstehe.
„Jetzt verstehe ich auch die Logik dass Ihr dieses PR-Chinesisch zunächst im China Beitrag Kom. 80+ behandelt habt.“
Das PR-Chinesisch wurde am Mittwochabend veröffentlicht. Da hatte ich tatsächlich besseres zu tun, als mich damit in einem extra Beitrag zu befassen. Was genau, überlasse ich Eurer Phantasie 😉
@Raimund „Da hatte ich tatsächlich besseres zu tun“
SORRY, Blog ist halt doch nicht Telefon. Ich sass an dem Abend auch nicht am Schreibtisch und dachte bei den Passagen im China Beitrag tatsächlich: Fast hätte ich dies übersehen und hier hätte ich dies sicher nicht gesucht. Heute morgen dann: Vorbemerkung China und PR-Chinesisch passt irgendwie. Losgelöst davon fand ich nach dem extra Beitrag: Wäre gut das künftig immer wieder zu haben. Dass dies im Zusammenhang auch als Kritik verstanden werden kann wurde mir erst jetzt bewusst.
Völlig klar dass Du spät abends endlich mal zu einem 800+ S. Buch über das Universum bei einem guten Glas (Wasser ohne ..) greifen wolltest und diese irdischen Probleme wenigstens für eine kurze Zeit ausblenden konntest.
👍
@Raimund: FED Bilanz GREAT Depression.
Möchte jemand mal wissen wie die Bilanzsumme im Lauf der letzten 100 Jahre sich bewegte so sind $-Zahlen mit den vielen Nullen nur bedingt aussagefähig. Hier gibt es die FED BALANCE als % des GDP – und nun können wir z. B. feststellen: (BITTE CHART GLEICH HIER EINFÜGEN)
1. (A) Wir sind z. Zt. ca. doppelt so hoch mit der FED Bilanzsumme verglichen mit der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern oder WW2. In den 1930ern war keine Inflation – in den 1940ern schon.
(B) Anlässlich der Inflation in den 1980er Jahren war die Bilanz konstant niedrig.
(C) FAZIT: Wenn wir mit etwas vergleichen wollen, dann könnte man am ehesten die Nachkriegssituation WW2 heranziehen – wo der Pfeil eingezeichnet ist – aber nicht die 1980er !
2. Fragen an Dich Raimund: Zur Zeit ist doch das ALLES überragende Problem die Inflation mit über 8% in den USA. Soll man da in 1. Linie die Höhe der Bilanz bedauern – wie vielfach geschrieben wird (da meine ich nicht Deine Beiträge). Die entscheidende Grösse ist doch die Rate, mit der abgebaut wird – zusammen mit den Zinserhöhungen. 2018 ist klar gut in Erinnerung – jedoch ohne Inflation. Die heutige Lage erhöht doch den Druck auf die FED ganz gewaltig. Dann wird es eben eine nicht vernachlässigbare Rezession geben – was wäre die Alternative?
3. In ca. 1Woche habe ich vor ein Update der Realzinsen zu posten – auch für den Euro-Raum.
• Zunächst müsste jemand recherchieren, wie die Struktur der Bilanz damals aussah. Quantitative Easing / Anleihekaufprogramme gab es meines Wissens damals nicht. Bilanzsumme ist halt nicht gleich Bilanzsumme.
• Außerdem müsste man in Erfahrung bringen, ob die Bilanzsumme nach dem 2. Weltkrieg tatsächlich abgebaut wurde, oder ob sie einfach im Verhältnis zum steigenden BIP relativ kleiner wurde, tatsächlich aber gleich blieb.
Wenn Ihr das recherchiert habt, diskutieren wir weiter. Einverstanden?
@Raimund: „Zunächst …“
1. „Bilanzsumme gleich Bilanzsumme“. Deswegen habe ich die Formulierung „…AM EHESTEN die Nachkriegssituation WW2 heranziehen …“ gewählt und nicht: „…Ist Gleich…“. In der betreffenden FED-Publikation wurde „COMPARABLE“ verwendet.
2. „Quantitative Easing“. Der Begriff wurde in der Zeit um Ben Bernanke eingeführt. Dieser hat sich extrem mit der „Great Depression“ beschäftigt und zahlreiche Aufsätze dazu geschrieben. Es war ein Glücksfall dass er da gerade im Amt war. Er hat sicher noch Eigenes dazu gefügt (das wäre ja schlimm wenn nicht …) – aber ich habe nirgends gelesen dass er GANZ anders gehandelt hat.
3. „…Bilanzsumme …als Verhältnis zum BIP …“ Die FED hat diesen Chart publiziert weil sie wohl u. a. dachte dies ist ein sehenswerter Überblick und JA das BIP hat einen signifikanten Einfluss auf den Kurvenverlauf.
4. Letztendlich kann man wenn’s um Bilanzen geht immer tiefer schürfen und wenn man vom EG im UG1 angekommen ist sofort nach dem UG2 ….. bohren. Ich dachte dass für manchen Kommentator der bildhafte Überblick Interesse findet, wenn nicht kann einfach weiter gescrollt werden und wenn jemand tiefer recherchieren will freut mich das auch.
5. Mehr als dieser Blick in den Rückspiegel interessiert mich jedoch die Gegenwart und die Zukunft. Deshalb habe ich „2. Fragen an Dich Raimund:…“ gerichtet. Die haben ja mit Bilanzvergleichen nichts zu tun und ich würde mich schon freuen wenn Du dazu was antworten würdest.
P. S.: Zu 4. Einige Infos dazu habe ich noch. Falls sich für mich aus denen ein schlüssiges „Bild“ ergeben sollte (und Interesse da ist) kommentiere ich dazu noch – aber nicht ganz zeitnah.
Bilanzsumme = Bestandsgröße
GDP = Stromgröße
Was sagt % GDP im Zusammenhang wirklich aus?
Genau das ist auch meine Kritik an einer anderen bekannten Messgröße: Alle Welt setzt die Bestandsgröße „Höhe der Staatsschulden“ ins Verhältnis zur Stromgröße „nominales BIP“.
Wenn Ingenieure oder ingenieurnahe Naturwissenschaftler dabei das Sagen hätten, würde das nicht pssieren (wie z. B. bei den Maastricht-Kriterien: Soll-Schuldenobergrenze = 60 % BIP).
In der Elektrotechnik wäre das z. B. so, als würde man sagen: Eine elektrische Spannung soll soundso viel % eines elektrischen Stroms sein. Das wäre natürlich völliger Quatsch, denn es handelt sich um verschiedene physikalische Größen mit verschiedenen Einheiten. Wirtschaftswissenschaftler neigen anscheinend ganz gerne dazu, solche „Feinheiten“ zu ignorieren…. 😉
Dazu ein Auszug aus meinem Buch „Die Wahrheit über Geld“ (S. 134 f.):
„Viele Ökonomen wollen uns weismachen, Staatsschulden könnten mithilfe von Wirtschaftswachstum abgebaut werden. Dies halten wir jedoch ebenfalls für ein Märchen – oder einen Taschenspielertrick, je nach Betrachtungsweise. Denn gemeint ist damit in der Regel nur, dass der prozentuale Anteil des staatlichen Schuldenlochs an der gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes ab- gebaut wird. Das ist etwa so, als würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, Ihren persönlichen Schuldenstand mit Ihrem Einkommen ins Verhältnis setzen. Dann brauchten Ihre Schulden in einem Jahr nur einmal langsamer zu steigen als Ihr Einkommen und schon wäre der Anteil der Schulden am Einkommen geringer. Aber hätten Sie damit Ihre Schulden abgebaut? Keineswegs, sie wären sogar gestiegen.
Ganz zu schweigen davon, dass damit in gewisser Weise Äpfel und Birnen verglichen werden. Die Schuldenhöhe ist nämlich eine soge- nannte Bestandsgröße, die auch im nächsten und übernächsten Jahr in gleicher Höhe Bestand hat, sofern Sie keine Schulden tilgen. Das Einkommen dagegen ist eine Stromgröße, die schwanken kann. Wenn Sie beispielsweise im kommenden Jahr weniger verdienen, steigt der Anteil Ihrer Schulden automatisch, ohne dass sich Ihre Schuldenhöhe ändern muss. Davon können die Griechen ein Lied singen: Ihre Wirt- schaftsleistung brach in der Finanzkrise ein, sodass ihr relativer Schul- denstand in astronomische Höhen schoss, ohne dass dafür ein einziger Cent mehr an tatsächlichen Schulden nötig gewesen wäre.
Mit anderen Worten: Der Vergleich der Staatsschulden mit der Wirtschaftsleistung ist eine Schönfärberei, die sich in schlechteren Zeiten schnell ins Gegenteil verkehren kann – es sei denn, man glaubt daran, dass schlechtere Zeiten niemals mehr kommen werden. Einen tatsächlichen Abbau von Staatsschulden durch Wirtschaftswachstum hat es selbstverständlich noch nie gegeben. Im Gegenteil: Auch in gu- ten Zeiten werden gerne neue Schulden gemacht, weil man es sich ja gerade dann leisten kann. Die Rechnung dafür wird schließlich erst später präsentiert.“
Hallo Sandro, „Soll-Schuldenobergrenze = 60% BIP“
Um eventuellen Verständnis-Schwierigkeiten vorzubeugen diene ich mal der Klarheit:
1. Schulden (und natürlich auch eine Schuldengrenze) werden wie auch das BIP in einer Geld-Währung gemessen vorzugsweise beide in derselben z. B. EUR. Wenn man die Division Schulden(EUR) / BIP(EUR) bildet ist das Ergebnis eine reine Verhältniszahl ohne Einheit. Eine Verhältniszahl kann man z. B. als 0,61 angeben oder gleichbedeutend mit 61%. Das ist eine völlig korrekte Angabe. Ob diese wirtschaftlich VERNÜNFTIG ist oder vielleicht eine andere KENNZAHL um z. B. einzelne Länder oder ….. zu vergleichen ist eine völlig andere Frage.
2. „Eine elektrische Spannung soll soundso viel eines elektrischen Stroms sein“. Ja diese Formulierung wäre „Quatsch“. Warum? Spannung misst man in Volt und Strom in Ampere, wie Du richtigerweise darauf hinweist. Es ist trotzdem kein Quatsch wenn jemand die beiden dividiert. Es entsteht eine neue bedeutende Grösse, die man Widerstand nennt und deren Einheit nennt man Ohm.
3. Beispiel 1. und 2. haben überhaupt keine Analogie – man dividiert halt nur in beiden Fällen.
4. Würde ein Wirtschaftswissenschaftler bei 1. auf die Idee kommen das eine in Äpfel und das andere in Birnen anzugeben – also in unterschiedlichen Währungen – dann wäre das trotzdem kein Quatsch. Dann müsste man nur korrekterweise den Umrechnungskurs berücksichtigen.
5. JA, Wirtschaftswissenschaftler haben manchmal Probleme die Ingenieure zu verstehen und UMGKEHRT! „Feinheit“ wäre mir dafür zu milde.
Da muss ich leider widersprechen. Das BIP bezieht sich auf einen Jahreszeitraum. Die korrekte Einheit wäre somit eigentlich „Geldmenge/Jahr“. Sofern die Einheit „Jahr“ weggelassen wird, ist das lediglich geschummelt.
Beispiel 1 und 2 zeigen m. E. auch sehr wohl eine Analogie: Die elektr. Spannung kann die Ursache eines elektronischen Stroms sein (Du darfst den Begriff „elektr. Spannung“ aber auch gerne durch einen anderen Begriff ersetzen, z. B. „elektromotorische Kraft“, oder „Differenz des Fermi-Niveaus“, …). Die Spannung bewirkt, dass sich Ladungsträger im Leiter bewegen können (elektr. Strom = gerichtete Bewegung von elektr. Ladungsträgern).
Es gibt also einen kausalen Zusammenhang.
Ähnlich, gibt es auch zwischen Geld bzw. Schulden und BIP einen kausalen Zusammenhang, so zumindest die Theorie, auch wenn diese sich teilweise leider nur als Hoffnung erweist. Siehe hierzu die Quantitätsgleichung und Quantitätstheorie. Das ist ja schließlich auch der Grund, weshalb die Geldmenge bzw. die Schuldenmenge überhaupt in Beziehung zum BIP gebracht wird.
Soviel zur Analogie.
Hallo Sandro, „Die elektr. Spannung kann die Ursache eines elektronischen Stroms sein“
• Nun hast Du also anstelle Deiner „Quatsch-Formulierung“ das von mir angeführte OHM’sche Gesetz als Beispiel genommen – gut. Demnach verursacht eine Spannung einen Strom. Die Einheiten sind Volt und Ampere. Bei metallischen Leitern verursacht eine Verdopplung der Spannung einen doppelten Strom solange der „Widerstand“ gleich bleibt.
• Beispiel Finanz/Wirtschaft: Eine Musterperson, deren Einkommen hauptsächlich Lohn ist, ersucht um einen Kredit. Sie hat schon Schulden und möchte analog zur E-Technik die Schulden („Spannung“) verdoppeln und analog zum Ohmschen Gesetz könnte sie dabei erwarten dass dadurch ihr Einkommen („Strom“) sich auch verdoppelt. Die Bank wird sagen dass dieses Gesetz der E-Technik dort kausal stimmen kann aber bei ihr nicht analog gilt (der Kredit könnte z. B. für eine Kreuzfahrt sein und warum sollte sich dann das Einkommen verdoppeln). Ihren jetzigen Schuldenstand und Einkommen interessieren die Bank trotzdem – aber in ganz anderer Kausalität. Die Bank wird beide Angaben mit ihren Kennzahlen/Kriterien vergleichen und nach denen entscheiden. Ob diese Kennzahlen für jeden E-Techniker plausibel, kausal oder gar analog erscheinen kann fraglich sein. Auch eine andere Bank könnte andere haben. Ein Industrie-Unternehmen mag nochmal andere Kennzahlen verwenden und Staaten wieder andere.
• Sicherlich gibt es in der E-Technik, der Medizin , ….. wie auch in der Finanzwelt jeweils kausale Zusammenhänge – Analogien sind aber etwas anderes. Werden deswegen in der Wirtschaft „Feinheiten“ ignoriert und/oder „geschummelt“ wie Du behauptest? Das kann schon sein bei der einen oder anderen Auskunft – aber es gibt kein Gesetz das vorschreibt wie ein Marktteilnehmer seine KENNZAHLEN definiert, nach denen er seine Entscheidungen trifft – jedenfalls solange er erlaubte Auskünfte verarbeitet.
• Schlussbemerkung: Ich strebe nicht an dass Du meiner Ansicht zustimmst – Du magst gern eine andere haben. Deine Meinung über „Neigungen der Wirtschaftswissenschaftler“ nehme ich zur Kenntnis wie auch Dein Statement: „Wenn Ingenieure oder ingenieurnahe Naturwissenschaftler dabei das Sagen hätten, würde das nicht pssieren“. Ich hefte unsere unterschiedlichen Auffassungen jetzt einfach so ab und danke Dir für Deinen Kommentar.
Übrigens, der Vergleich bzw. die Analogie von Beispiel 1 und Beispiel 2 geht auch weit über einen kausalen Zusammenhang hinaus.
Volkswirte, die eine Schuldenobergrenze und BIP in ein Verhältnis setzen, machen das nicht ohne Grund, wie Raimund auch im Buchauszug ausführte. Sie gehen offenbar davon aus, dass dieses Verhältnis (zumindest unterhalb einer gewissen Grenze) stabil aufrecht erhalten werden kann oder bspw. Schulden mithilfe eines starken BIP aus einer Schieflage wieder in ein angemessenes Verhältnis gebracht werden können. Dabei wissen sie aber nicht, ob die Systemeigenschaften das überhaupt zulassen. Wie die Praxis zeigt, funktioniert das leider nicht. Sie haben es ignoriert, weil es nicht zu den theoretischen Wunschvorstellungen (Quantitätstheorie) passte.
Auch in der Elektrotechnik kommt es häufig vor, dass Spannung und Strom nicht im festen Verhältnis zueinander stehen, d. h. dass der Quotient zeitlich nicht konstant ist (wie bei einem Ohm’schen Widerstand R). Betrachte als einfaches Beispiel z. B. den Ladevorgang eines Kondensators, bei dem Spannung und Strom durch ein Integral in Beziehung stehen. Der Elektroingenieur kennt sein System aber, und kann in vielen Fällen die Systemeigenschaften auch als zeitlich unveränderlich betrachten (sog. LTI-System, was wiederum nicht bedeutet, das Ein- und Ausgangsgrößen zeitlich konstant sind – nur der Vollständigkeit halber) – er kann es berechnen und wird nur Definitionen/Forderungen festlegen, wenn er sicher ist, dass sie sinnvoll sind. Wenn er es nicht berechnen oder simulieren kann, wird er zumindest daraus kein Gesetz ableiten.
Volkswirte wissen aber zu wenig über das Wirtschafts- und Finanzsystem und können auch nicht sicher davon ausgehen, dass die Systemeigenschaften überhaupt zeitlich unveränderlich sind. Ihre makroökonomischen Modelle sind höchst unzureichend, was sie natürlich auch wissen. Trotzdem erheben sie unzureichende und schlecht belegte Theorien zu Gesetzen und machen dabei nicht Halt beim Versuch, damit die Zusammenhänge im Wirtschafts- und Finanzsystem beschreiben zu wollen. Als sei man über alle Zweifel erhaben, schreibt man bspw. eine Schuldenbremse sogar ins Grundgesetz. Das ist vermessen. Im Falle der Maastricht-Kriterien offenbart bereits der Einheitenfehler (s. o.) die Willkür der Festlegung.
Nun noch einmal zurück zur angesprochenen Analogie:
Im Prinzip betrachten wir tatsächlich ähnliche Vorgänge bei Beispiel 1 und Beispiel 2 (s. o.). Vergleiche: Im Geldsystem läuft eine Geldmenge mit einer Umlaufgeschwindigkeit um. Wir betrachten also so etwas wie einen „Geldfluss“ oder „Geldstrom“. Im Beispiel aus der Elektrotechnik wird Ladung mit einer Driftgeschwindigkeit transportiert, entsprechend dem elektrischen Strom (oder „Ladungsfluss“).
Aber man kann die Analogie auch anders erkennen: Spannung multipliziert mit Strom ist gleich elektrische Leistung (Energieumsatz bzw. Energie / Zeiteinheit). Geldmenge multipliziert mit Umlaufgeschwindigkeit (linke Seite der Quantitätsgleichung) entspricht reales BIP multipliziert mit Preisindex (rechte Seite der Quantitätsgleichung) = nominales BIP. Bereinigt um den Preisindex (Umrechnungsfaktor) ergibt die rechte Seite der Quantitätsgleichung das reale BIP und stellt dabei die volkswirtschaftliche Leistung dar (Geldmenge / Zeiteinheit). Mit „Leistung“ zeigt sich hier sogar eine begriffliche Übereinstimmung bei Beispiel 1 und Beispiel 2. (Nur der Vollständigkeit halber: Um eine Verständnisschwierigkeit bei der Analogie zu vermeiden, könnte die elektr. Spannung auch mit einer zur Verfügung stehenden getrennten Ladungsmenge in Beziehung gebracht werden, in Analogie zu einer zur Verfügung stehenden Geldmenge).
Ich wollte jetzt zwar keinen Grundkurs in Elektrotechnik geben – nur der Vollständigkeit halber sei noch auf folgenden Sachverhalt hingewiesen: Antizyklisch schwankende Anteile (sinus- und cosinusförmig bzw. 90° phasenverschoben) können übrigens zu keiner reellen Leistung beitragen. Dies gilt sowohl für die Paare Strom und Spannung, als auch für die Paare Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit (bzw. „Geldumlauf“), aus mathematischen Gründen. In der Elektrotechnik spricht man dabei von Blindleistung. Das scheint mir nur deshalb witzig, weil Notenbanken und Staaten ja gerade anstreben, antizyklisch zu handeln: In guten Zeiten sparen und in schlechten Zeiten Geld ins System pumpen. Letzteres verrät doch auch bereits einiges über die Systemeigenschaften unseres Geld- und Wirtschaftssystems, denn es zeigt sich auch hierbei, dass Geldmenge bzw. Schulden und BIP eben nicht in einem konstanten Verhältnis zueinander stehen (s. o.). Bei der Erklärung der Zyklen gibt es allerdings noch viel Lernbedarf, und wenn Volkswirte glauben, dass das Geldsystem bei der vorgenommenen antizyklischen Regelung verlustfrei funktionieren könnte, d. h. dass das einmal im Umlauf befindliche Geld immer wieder neu zu Verfügung steht (ewiger Kreislauf), dann halten sie das Geld- und Wirtschaftssystem für ein Perpetuum Mobile (ein Ingenieur hätte damit ein Problem, denn er weiß, dass es kein Perpetuum Mobile gibt). Wie man aus dem Buch „Die Wahrheit über Geld“ erfahren kann, ist das Geld- und Wirtschaftssystem im übertragenen Sinne tatsächlich kein Perpetuum Mobile, denn: Geld wird gehortet bzw. fließt ab in die Finanzmärkte, wo es nicht mehr zum BIP beiträgt. Natürlich kann zeitweise auch wieder etwas in die Realwirtschaft zurückfließen- womit wir wieder bei den Zyklen wären – aber das geschieht eben allenfalls teilweise.
„Sie gehen offenbar davon aus, dass dieses Verhältnis (zumindest unterhalb einer gewissen Grenze) stabil aufrecht erhalten werden kann oder bspw. Schulden mithilfe eines starken BIP aus einer Schieflage wieder in ein angemessenes Verhältnis gebracht werden können.“
Der „Zweck“ scheint mir ein anderer: Da der Schuldenstand mit dem nominalen BIP ins Verhältnis gesetzt wird, lässt sich allein schon durch die inflationsbedingte Ausweitung des BIP ein „Schuldenabbau“ suggerieren. Faktisch werden Staatsschulden nie abgebaut (von einzelnen Sonderfällen abgesehen), aber man kann es so verkaufen.
@Robert Z.
Hallo Robert, ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor. Vielleicht auch mehrere Missverständnisse.
Zu Deiner Anmerkung: „… – aber es gibt kein Gesetz das vorschreibt wie ein Marktteilnehmer seine KENNZAHLEN definiert, nach denen er seine Entscheidungen trifft – jedenfalls solange er erlaubte Auskünfte verarbeitet.“
Darum ging es mir überhaupt gar nicht. Da hast Du mich falsch verstanden, oder Du hast meine Aussagen umgedeutet.
Zu Deiner Anmerkung: „Nun hast Du also anstelle Deiner „Quatsch-Formulierung“ das von mir angeführte OHM’sche Gesetz als Beispiel genommen – gut.“
Nein. Habe ich so nicht gemacht. Zumindest habe ich nicht das eine anstelle des anderen genommen.
Ursprünglich wollte ich nur aufzeigen, dass es unsinnig ist, eine Bestandsgröße mit einer Stromgröße gleichzusetzen. Und ich rede überhaupt nicht davon, eine Kennzahl zu definieren (dazu kann man natürlich beliebige Größen beliebig arithmetisch verknüpfen, wenn man will). Es ging stattdessen, wie gesagt, ums Gleichsetzen einer Bestandsgröße mit einer Stromgröße. Bei den Maastricht-Kriterien wird nämlich auch nicht einfach eine Kennzahl definiert, sondern es wird tatsächlich eine Bestandsgröße (Schulden) mit dem prozentualen Anteil einer Stromgröße gleichgesetzt: Schulden = 0,6 mal BIP (Das Gleichheitszeichen ist wörtlich zu nehmen). Diese Vorgehensweise ist schlicht FALSCH. Wenn man auf die Einheiten achtet (dies hatte ich wohlwollend als „Feinheiten“ bezeichnet), fällt sofort auf, wie unsinnig das eigentlich ist. Das Beispiel aus der E-Technik und den Verweis auf Ingenieure hatte ich nur angeführt, weil m. E. Ingenieure mehr darauf geschult sind, sehr auf die Einheiten zu achten. Deshalb hätte ein Ingenieur die Maastricht-Kriterien wohl so nicht aufgestellt – es wäre ihm einfach gegen den Strich gegangen.
Spannung und Strom habe ich ursprünglich nur beispielhaft gewählt, als zwei physikalische Größen, die man analog zu den Wirtschaftswissenschaften als Bestandsgröße und Stromgröße betrachten kann. Das war eigentlich die einzige Analogie, auf die ich ursprünglich hinauswollte. Ich hätte aber bspw. auch pot. Energie und Strom nehmen können.
In meinem letzten Beitrag bin ich allerdings über das Ziel hinausgeschossen, denn der ging (unbeabsichtigt und schnell geschrieben) schon ansatzweise in eine Modellbildung über, die aber leider mit Spannung und Strom nicht funktioniert (zu Widersprüchen führt), auch wenn es weitere Analogien geben mag. Die elektr. Leistung in der E-Technik kann nicht übertragen werden auf nominelles BIP (auch wenn Wirtschaftsleistung danach klingt) – es passte auch nicht zur Vorstellung des Geldsystems als Perpetuum Mobile. Repräsentiert man Geldmenge durch Ladung, Umlaufgeschwindigkeit durch Driftgeschwindigkeit und nominales BIP durch elektr. Strom, dann könnte es funktionieren, ein Modell zu basteln.
Dass es Analogien gibt, ist übrigens keinesfalls Zufall. Denn sofern man das Finanz- und Wirtschaftssystem idealisierend als LTI-System beschreiben wollte (linear und zeitinvariant), sollte es auch möglich sein, dieses als Modell durch ein elektrisches Ersatzschaltbild zu beschreiben (mit entsprechenden Definitionen, was als welche Größe repräsentiert wird), auch wenn es noch so kompliziert wäre. So etwas wird tatsächlich sogar häufiger gemacht, z. B. auch in der Technischen Akustik oder bei thermischen Größen. So etwas hilft bei Rechnungen und zum Verständnis bestimmter Sachverhalte. Und es bringt eben eine ganz andere Betrachtungsweise aus Ingenieurssicht. Übrigens: Das Verhalten einer Bank (Betrachtung von Schulden und Einkommen) dabei mitzumodellieren, wäre dabei kein grundsätzliches Hindernis (zumindest sofern wir beim LTI-System bleiben). Ob so eine Modellbildung wirklich sinnvoll und lohnend wäre, ist freilich eine andere Frage.
P. S. Das hatte ich noch vergessen dazu zu sagen:
1. Strom und Spannung hatte ich trotzdem nicht ganz unzufällig ausgewählt, und es hatte auch einen Grund, weshalb ich auf einen kausalen Zusammenhang hingewiesen hatte: Vgl. z. B. das Entladen eines Kondensators: Strom fließt (Ladung des Kondensators nimmt ab) ab und infolgedessen sinkt auch seine Spannung. Ähnlich eines Geldabflusses und infolgedessen einem Abnehmen eines Kassenbestands. Das geht natürlich auch in der umgekehrten Richtung (Zunahme). An dieser Stelle mußt Du Dich vom Gedanken verabschieden, dass Strom und Spannung nur über einen konstanten Widerstsnd R verknüpft wären, gemäß des Ohm’schen Gesetzes, wie Du vorgebracht hattest.
2. Was die Analogien bzw. Modellierung betrifft: Dein Einwand, einen weiteren kausalen Zusammenhang hinzuziehen, steht dem nicht entgegen. Du kannst noch 1000 weitere Zusammenhänge ergänzen. Der Zusammenhang zwischen unseren interessierenden Größen wird dann nur komplizierter ( das elektr. Ersatzschaltbild würde erweitert).
Der Grund, weshalb es überhaupt möglich ist, solche Zusammenhänge in ein Beispiel der Elektrotechnik zu übertragen und durch ein Schaltbild zu modellieren und zu veranschaulichen, ist, dass die Mathematik die gleiche ist. Einer Differentialgleichung ist egal, in welchem Fachgebiet sie verwendet wird. Sie bleibt dabei unverändert, bis auf die Namen der Variablen, die man austauschen kann.
3. Ich muss mich allerdings entschuldigen, dass ich all das in die Diskussion eingebracht habe: Es hat es unnötig kompliziert gemacht (für mich selbst war es weniger kompliziert). Veranlasst hatte mich dazu, dass Du meintest, es gäbe keine Analogie.
@Robert Z.
Nachdem ich schon so viel geschrieben habe, möchte ich mich nun nicht länger streiten. Natürlich kann man einen Quotienten aus Schulden und BIP bilden und das Ganze dann eine Kennzahl nennen. Aber dann müsste man die Einheiten trotzdem vollständig mitnehmen. Sonst ist es zumindest formal falsch. Vielleicht können wir uns darauf einigen.
Den formalen Fehler (Unterschlagung des Zeitbezugs beim BIP durch unvollständige Einheitsangabe) könnte man als „Feinheit“ ansehen, wie ich es nannte, weil man ja wissen kann, dass beim BIP eigentlich ein Jahresbezug vorliegt. Entsprechend könnte man die Kritik als Erbsenzählerei ansehen.
Allerdings geht es m. E. schon etwas darüber hinaus. Denn das Ignorieren der formal korrekten Einheit kaschiert in diesem Fall zum einen – vielleicht nicht ganz ungewollt – die Willkür der Festlegung auf den Jahreszeitraum. Man könnte ja auch einen Dreimonatszeitraum oder Fünfjahreszeitraum heranziehen und sollte dann erklären können, weshalb. Zum anderen kaschiert es vor allem aber, dass man sich auf eine (insb. im Krisenfall auch kurzfristig stark veränderliche) Stromgröße bezieht, was die Verlässlichkeit und Nützlichkeit der so definierten „Kennzahl“ stark in Frage stellt (auch langfristig gibt es keine Gewissheit, ob das BIP zukünftig so bleiben würde und nicht etwa dauerhaft viel niedriger sein kann – im Gegensatz zur Bestandsgröße Schulden, die man zumindest prinzipiell steuern kann). Die o. G. Kennzahl klingt so selbst wie eine Bestandsgröße, obwohl sie das nicht ist.
Last but not least: Obwohl sich meine letzten Beiträge etwas wie Schelte auf Volkswirte anhörten, war meine Absicht nicht, zu behaupten, dass sie etwa schlechtere Wissenschaftler seinen oder Ähnliches. Sie weisen ja auch selbst häufig auf die Unzulänglichkeiten und Ungereimtheiten makroökonomischer Theorien und Modelle hin – das ist eben nicht einfach.
Was mich allerdings stört, dass makroökonomische Vorstellungen zuweilen trotzdem als „Wahrheiten“ verkauft werden und andere Sichtweisen oft nicht zugelassen werden, z. B. mit den Konsequenzen, dass eine Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben wird oder Notenbanker meinen, sie könnten die Bilanzen nachhaltig wieder herunterschrauben. Vielleicht liegt es an der Zerstrittenheit der Wirtschaftsschulen in der Vergangenheit, oder vielleicht liegt es daran, dass Wirtschaftspolitik dem Wähler nun einmal „verkauft“ werden muss, wobei es dann oft nur eine „Wahrheit“ geben darf. Dabei tritt eine gewisse Vermessenheit zu Tage.
@Robert Z.Nachdem ich nun die Zeit gefunden habe, will ich die Sache noch einmal auf den Punkt bringen (das meiste der letzten Beiträge hätte ich mir besser sparen sollen):
Ein wenigstens formal korrekte Formulierung der Forderung des Maastricht-Kriteriums wäre durch Gleichung (1) gegeben (siehe angehängte Grafik). Die Einheit von Schulden ist dabei Euro, und die Einheit des BIP ist dabei Euro/Jahr.
Sofern der Zusammenhang durch das Integral bzw. die Ableitung gemäß der Gleichung (1) unterschlagen wird (wie regelmäßig der Fall), ist die Forderung formal falsch formuliert und führte zu einem Einheitenfehler (man würde Euro mit Euro/Jahr gleichsetzen). Was für Folgen das in der Rezeption des Betrachters/Anwenders hat, sei jetzt einfach einmal dahin gestellt. Ebenso sei die Sinnhaftigkeit dieser Maastricht-Forderung jetzt einmal dahingestellt. Wenn ich Strom mit Spannung gleichsetzen würde, ergäbe sich jedenfalls ebenfalls ein Einheitenfehler. Dies wäre die erste Analogie.
Außerdem können Strom und Spannung kausal in Beziehung stehen (2. Analogie), und zwar ebenfalls über ein Integral bzw. eine zeitliche Ableitung, wie eine Bestandsgröße und eine Stromgröße in den Wirtschaftswissenschaften (3. Analogie). Nehmen wir hierzu den Ladevorgang eines Kondensators als Beispiel (es wäre nicht das einzige mögliche Beispiel), dann können wir das durch Gleichung (2) beschreiben, wobei C die Kapazität des Kondensators ist, U die Spannung und I der Strom ist. Siehe hierzu Gleichung (2) in der Grafik (s. u.).
In beiden Fällen betrachten wir eine einfache Differentialgleichung des gleichen Typs. Niemand kann also ernsthaft behaupten, es gäbe keine Analogie. (Auf Integrationskonstanten verzichte ich der Einfachheit halber).
Du scheinst allerdings als echte Analogie nur geltend machen zu wollen, was ein vollständiges Modell darstellt. Soweit wollte ich ursprünglich gar nicht gehen. Ein einfaches Modell kann ich Dir trotzdem anbieten, falls du Dich für Elektrotechnik interessierst. Betrachte hierzu die Proportionalität zwischen Spannung und Ladung des Kondensators nach Gleichung (3). Dies führt auf Gleichung (4), wobei die Ladung Q in Einheit As (“Ampere mal Sekunden“) und der Strom in der Einheit A („Ampere“) angegeben werden kann. In diesem Modell kann der Kondensator einen Geldspeicher und/oder Schuldenspeicher (z. B. Bankkonto) repräsentieren, die Ladung Q eine Geldmenge (oder Schuldenmenge – je nach Vorzeichen) und der Strom I einen Geldzufluss oder –abfluss.
Du hattest vorgebracht, dass die Handlungsweise einer Bank (Betrachtung von Schulden und Einkommen) als zusätzlicher kausaler Zusammenhang nicht dargestellt werden könne. Das ist aber kein echtes Gegenargument oder Widerspruch, denn es sollte doch selbstverständlich sein, dass Du das Modell auch erweitern musst, wenn Du zusätzliche Elemente hinzufügen willst. Dazu müsstest Du nun auch die Bank modellieren, z. B. durch eine Stromquelle (zur Repräsentierung der Geldschöpfung) mit geeigneter Innenimpedanz, und Du müsstest Dir Gedanken machen, wie sie an den Kondensator angekoppelt ist (ggf. auch durch ein kompliziertes Kopplungsnetzwerk), um die Kriterien, Kennzahlen der Bank etc. zu berücksichtigen. So kannst Du Deinen zusätzlichen kausalen Zusammenhang ebenso einbeziehen und modellieren. Du könnest weitere kausale Zusammenhänge ergänzen, z. B. Verwendungsmöglichkeiten für das Geld modellieren und die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgegeben wird. Du kannst dann noch darüber nachdenken, welche Größe dann wohl die Spannung im Modell repräsentieren würde – sie wäre im übertragenen Sinne dann vielleicht so etwas wie die Motivation, eine Transaktion durchzuführen bzw. die Ursache für eine Transaktion („Transaktionspotential“) (vielleicht fällt Dir eine bessere Bezeichnung ein).
Natürlich hat eine in dieser Weise vorgenommene Modellbildung ihre Grenzen wie die allermeisten Modelle. Eine Grenze wäre im vorliegenden Fall, dass Du von einem linearen und zeitinvarianten System ausgehen müsstest bzw. überlegen müsstest, ob diese Annahme als Idealisierung zulässig wäre und zu Deinen Zwecken der Modellbildung ausreicht. Falls nicht, brauchst Du zusätzliche Methoden. Aber selbst dann hieße das zumindest noch nicht zwingend, dass das Bisherige alles über Bord geworfen werden müsste. Es käme auf den Einzelfall an.
Möglich ist die obige Modellbildung nur, weil es analoge bzw. gleiche mathematische Zusammenhänge gibt. Es ist doch selbstverständlich, dass das Modell kann immer nur so gut sein, wie umfassend diese genügen, um den gewünschten Sachverhalt zu beschreiben. Wenn Du wirklich nur ein perfektes Modell als Analogie anerkennst, dann wirst Du vielleicht kaum jemals irgendeine Analogie als solche anerkennen können. Genauergesagt, müsstest Du dann streng genommen fast alles ablehnen, wo etwas modelliert, berechnet und simuliert wird. Z. B. auch die Konstruktion einer Brücke oder die Wettervorhersage.
p. s. In meinem letzten noch unveröffentlichtem Beitrag ist mir leider doch noch ein dummer Fehler unterlaufen. Der rechte Teil bei Gleichung (1) hätte eigentlich heißen müssen: d/dt Schulden = 0. Denn links hatte ich ja feste Integrationsgrenzen genommen, und wenn die Schulden die 60%-Grenze überschreiten, dürfen ja keine neuen Schulden mehr gemacht werden – es handelt sich ja um eine Forderung. Da es sich um eine Obergrenze handelt, hätte ich auch besser schreiben sollen <= anstatt =. Soviel zur korrekten Formulierung 😉 Spielt aber für den Rest keine Rolle.
Bei der Bedeutung des Aktienmarktes für das US-Konsumentenvertrauen, für das Pensionswesen usw. dürfte Powell nicht daran interessiert sein, einen Crash zu riskieren – etwa durch Notverkäufe von kreditfinanzierten Aktienbesitzern. Deshalb hoffe ich, dass notfalls die FED einen zu deutlichen Anstieg bei den US-Anleihezinsen durch neuerliche Anleihekäufe bremst. Inflation ist langfristig das geringere Problem, den verschuldeten Staatshaushalten sogar willkommen.
So könnte es durchaus kommen. Aber nicht nur bei der Zinsentwicklung USA auch bei den anderen Belastungsfaktoren wie Lieferkettenproblematik, Ukrainekrieg sind positive Veränderungen jederzeit möglich. Die Börse reagiert sofort, wenn sich kleinste Anzeichen dafür ergeben. Offensichtlich steht noch genug Liquidität zur Verfügung. Die Tür ist dann eng.
Servus 🙂
möchte eure Aufmerksamkeit wieder auf diesen, grundlegende Aktienanlange-Aspekt lenken. Mein Eindruck ist, dass dieses Thema medial bei der ganzen Inflations-Peak „ist er’s oder kommt er noch“- und Anleihezins-Fokusierung kaum mehr beachtet wurde.
Doch nach dem FED-Protokoll der letzten Sitzung ist vor der nächsten FED-Sitzung 😉 Und die drei Monatsfrist „reduzierter“ Bilanzschrumpfung (= nur die Hälfte von 95 Mrd $ pro Monat) läuft mit der kommenden Sitzung aus -> es sollte da also neue ggf. kursbewegende Neuigkeiten geben.
Was meint ihr & speziell auch du Raimund, wie geht es weiter?
Wieder „zurück“ auf das ursprünglich mal angedachte „Vollgas“ = 95 Mrd $ Monat, weiter nur die Hälfte oder was ganz anderes?
Ist die Zeit für „Powells zweiten Rückzieher“ schon reif?
Und zur Überlegung, dass eine ggf. stärkere Bilanzreduktion auch dazu genutzt werden kann die Inflation durch Nachfragedämpfung zu reduzieren um gleichzeitig die Zinsen weniger stark anheben zu müssen?
Herzliche Grüße
Ulrich
Die Zeit für Powells zweiten Rückzieher ist m.E. noch nicht reif. Dazu war der Druck der Märkte noch nicht stark genug. Sowas braucht Zeit. Aber wenn Powell demnächst weiter Gas gibt bei der Bilanzschrumpfung, sollte wieder Druck aufgebaut werden. Und dann schaun mer mal.
Was Deine letzte Frage anbelangt: Ich würde es umgekehrt sehen: Wenn er die Bilanz nicht reduziert, hätte er beim Leitzins mehr Spielraum.